Freitag, 27. März 2020

Corona-Tagebuch: Ich war ein Fremder

„Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ steht auf dem Obelisken von Olu Oguibe in Kassel. Das Kunstwerk der letzten documenta ist selbst wie ein Fremdling durch die Stadt gewandert und hat jetzt auf der Treppenstraße eine neue Heimat gefunden, auf der natürlich wie in der gesamten Stadt nicht viel los ist. Die Menschen hören auf ihre Bundeskanzlerin und bleiben Zuhause. Ein Mann mit dunkler Hautfarbe, den ein Großteil der weißen Mehrheitsgesellschaft als „fremd“ oder „anders“ lesen würde, sitzt auf einer Bank neben dem Obelisken und fummelt mit etwas Weißem herum. Es wirkt wie eine Performance: Das unbeschrieben aussehende Stück Papier, das er aus seiner Tasche holt und auseinanderfaltet, könnte eine Theaterrequisite sein, die eine Stadt- oder Landkarte darstellen soll. (Oh, wie ich mich nach Theater sehne!) Was sucht er wohl? Ist er auf Reisen? Geht das überhaupt in diesen Zeiten? Ist das erlaubt?

Ich mache ein Foto des Obelisken durch ein paar Zierkirschenzweige, die den Höhepunkt ihrer Blüte schon hinter sich haben. Blütenblätter fallen auf den Boden der Fußgängerzone, die niemand benutzt, darüber gewinnt das Himmelsblau an Intensität. Es wird Abend. Der Natur ist das Virus, das zu ihr gehört, egal. Ihre Aufführungen finden ungehindert statt. Ich finde das immer noch faszinierend, dass die Erscheinungen dieser Welt, als deren Teil wir leben, gleichzeitig so schön und schrecklich sein können. Zumindest empfinden das ja gerade viele Menschen so, dass die Natur schrecklich ist, das Andere, das draußen vor der Wohnungstür mit Krankheit und Tod droht.

Ich überlege, ob ich mich hier an diesem Obelisken Zuhause fühle. Nein, ich glaube, er fühlt sich selbst noch nicht so richtig Zuhause an diesem Ort.

Auf dem Weg zurück tausche ich Blicke mit einer Frau mit roter, von Pusteln übersäter Haut. Sie wühlt in einer Tüte und lächelt dabei. Sie wird noch länger hier bleiben, vielleicht wenn es dunkel wird, in ein kleines Zimmer oder eine Unterkunft zurückkehren.

Ich kehre zurück in die WG, die mich gerade beherbergt. Ich habe noch etwas eingekauft, auch weil ich eine große Dankbarkeit fühle, die ich zurückgeben möchte. Die vier Frauen hier haben mich aufgenommen in einer Zeit, in der das alles andere als selbstverständlich ist. Ich bin gerade ein Fremdling. Jeder ist gerade ein Fremder. Jeder kann das Virus tragen, das Fremde, das Andere, das uns krank macht, das unsere Großeltern oder die Freundin mit Asthma töten könnte. Natürlich hat es wegen meines Besuchs Diskussionen gegeben. L. sagt, das Virus könne auch Wochen nachdem die Symptome abgeklungen sind noch ansteckend sein. Auch kleine Kinder könne ein schwerer Verlauf der Krankheit treffen. Sie möchte eigentlich nicht, dass Besuch in die WG kommt. Der Ex-Freund von A. sieht das genauso: „Das ist fahrlässig, dass er hier ist. Ein Risiko“, höre ich ihn sagen als er kurz in ihrem Zimmer sitzt, um eins ihrer gemeinsamen Kinder abzuholen.

Dabei bin ich immer mehr der Meinung, dass ich das Virus bereits gehabt habe. Ich hatte drei Tage erhöhte Temperatur und war dann noch eine Woche lang schlapp, hatte Gliederschmerzen und habe irgendwann nichts mehr gerochen. Ich habe mein Deo direkt an meine Nase gehalten – nichts. Eine weitere Woche später rieche ich immer noch nicht alles. Die WG dreht durch, alle springen auf: Die Katze hat ins Katzenklo geschissen und der Geruch verbreitet sich in der ganzen Wohnung. Ich nehme nichts wahr. Panik steigt auf: Wird das jetzt so bleiben? Wann kann ich mich endlich auf Antikörper testen lassen?

Eigentlich hatte ich mich irgendwann gegen die Panik entschieden. Ab Mitte März ist mein Nachrichtenkonsum schlagartig angestiegen. Jedesmal, wenn ich Spiegel Online oder wdr.de checkte, dachte ich: „Die können doch nicht wirklich eine Ausgangssperre verhängen?“ Aber alles sah danach aus. Ich wusste, dass ich das nicht aushalten würde: vom Staat eingesperrt in meiner Wohnung. Manchmal bin ich gern mit mir allein, aber meistens nicht. Warum wohne ich immer noch allein? Warum habe ich nicht den Absprung geschafft aus dieser schönen Altbauwohnung in eine schöne Gemeinschaft. Ist es das, was diese Krise mir ganz persönlich zu sagen hat – danach verstärkt zu suchen?

Zwischendurch war ich wirklich verzweifelt. Ich dachte: Vielleicht hat sich das ungefähr so angefühlt, ein Jude oder Homosexueller oder expressionistischer Künstler zu sein nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Natürlich ist das ein vermessener Gedanke, weil ich in keiner lebensbedrohlichen Situation war und bin. Es ist ein Gedankenspiel, eine Spur, die ich seit der Schulzeit verfolge: Wie muss sich das anfühlen, wenn die gesellschaftliche Stimmung plötzlich umschlägt, feindselig wird? Man hört und liest die Nachrichten und will nicht glauben, wie sich alles neu ordnet und der eigene Platz schwindet. Plötzlich rufen alle nach Verboten, lechzen förmlich nach Ausgangssperren, nach der harten Hand des Staates. So stellt es sich zumindest in den Sozialen Medien dar: Ich lese auf Facebook die Kommentarspalten unter Corona-Artikeln: "Wie lange wollen unsere Politiker noch warten? Sie sind zu zögerlich!" "Sperrt die Leute endlich in ihre Wohnungen!" "Wer es jetzt noch nicht kapiert und noch draußen mit anderen auf einer Decke liegt gehört nach Sibirien!" Ich hatte es doch geahnt: Die Menschen, unter denen ich lebe, sehnen den Faschismus zurück, jetzt wieder ganz offen. Andersdenkende am besten gleich ins Lager.

Ich mache mir mein Frühstück und schaudere bei dem Gedanken an eine Ausgangssperre. Das Brot auf dem Brettchen verschwimmt, abwesend bestreiche ich es mit Aufstrich, lege eine Scheibe Käse darauf, führe es zum Mund. „Ich werde allein sein und es nicht aushalten“, denke ich, „alles wird zurückkommen: Die Angst, die Grübelspiralen. Ich werde es nicht aufhalten, mich nicht zerstreuen können.“ Ich schreibe Nachrichten an Freunde: „Könnte ich bei dir / bei euch unterkommen, wenn es Ausgangssperren gibt?“ Größere Gemeinschaften sagen mir ab: „Bei uns gibt es einige, die Angst haben. Einige gehören zur Risikogruppe. Wir haben im Plenum entschieden, keinen Besuch mehr zu empfangen.“ Zwei Freunde sagen mir schließlich zu, ein Paar bietet mir sogar ganz von selbst an: Du kannst in unser Arbeitszimmer ziehen. Ich bin erstmal beruhigt. Jetzt ist die Zeit der neuen Koalitionen. Man muss Verbündete finden, die nicht auf der Seite der Panik stehen, die bereit sind, dich zu verstecken vor den Schergen des Staates, der die Isolation predigt und oft 14-tägig verhängt. Einfach so. Aus der Wohnungstür gehen ist dann verboten. Wohin dann? Auf Dachböden? In Kellerlöcher? Hinter geheime Türen? #staythefuckhome leuchtet mir vom Bildschirm hundertfach aggressiv entgegen.

Ich denke: Für den europäischen Geist ist das die naheliegendste Lösung – es allein zu schaffen. Jeder kämpft für sich allein, kämpft sich durch, kämpft gegen das Virus, geht den anderen aus dem Weg, den universellen Fremden. Und ich verstehe in diesem konkreten Fall den Gedanken dahinter ja auch. Um die Kurve flach zu halten ist es zumindest sinnvoll, kleinere Kreise zu ziehen. Aber sich komplett zu isolieren, nur weil man zufällig keine Familie Zuhause hat? Und wieso besteht unsere Gesellschaft plötzlich nur noch aus "Kernfamilien", die zusammenleben? Was ist mit dem viel gerühmten Patchwork, mit den Wahlverwandschaften? Warum sagt unser Oberbürgermeister in seinen Videoansprachen nicht: "Suchen Sie sich jetzt eine nette Gruppen, mit der sie die nächsten Wochen verbringen möchten!" Ich schreibe ihm eine SMS: Deine Rhetorik ist zu hart. Lies bitte mal Sascha Lobos Essay zum Thema "Vernunftpanik".

Es ist jetzt viel von Solidarität die Rede, aber gemeint ist eine virtuelle Solidarität. Man postet bei Facebook, wie sehr man den Arbeitern und Angestellten in Supermärkten und Krankenhäusern dankbar ist, klatscht aus dem geöffneten Fenster. Ich klatsche nicht. Ich nutze meine Zeit auch nicht für Kreativität oder Dinge, „die ich schon immer einmal machen wollte“. Ich bin neidisch auf die, die im Supermarkt arbeiten. Sie haben etwas zu tun, sind unter Menschen. Ich habe noch ein paar wenige Artikel zu schreiben, dann wird nichts mehr zu tun sein: Es gibt keine Veranstaltungen mehr, die anzukündigen oder zu rezensieren sind. Auf unbestimmte Zeit. Gehe ich in die innere Emigration. Und die äußere.

Ich gehe nach Kassel. Die Stadt wirkt wie eine Kulisse ihrer selbst, in der niemand mehr Statisten bezahlen kann. Im Abenddunst steht der Herkules im Wilhelmshöher Bergpark, man kann ihn aus dem Erkerfenster in der WG erahnen. Ich sitzt in M.s Zimmer in einem Sessel in diesem Erker, klimpere auf der Gitarre. Ich spiele Songs aus dem Beatles-Complete-Songbook. Das ist ein Teil meiner Regression. Ich spiele diese Songs, die mich schon vor 32 Jahren glücklich gemacht haben, erinnere mich an kindliche Zustände, an die Masern-Quarantäne bei meinen Großeltern im abgedunkelten Zimmer. Was würden meine Großeltern zum Virus sagen, wenn sie noch lebten? Würden sie Nachbarn bitten, für sie einzukaufen oder würden sie selber gehen?

Sie würden mir einen Alltag schenken, in den ich mich reingeben kann. Genau wie die WG es jetzt tut. Ich kann dem Baby stundenlang den Bauch massieren bis es einschläft. Ich koche ein Risotto. Ich helfe morgens das Frühstück vorbereiten, nachmittags die Sachen packen für einen geheimen Ausflug zu viert (!) in den Park, abends beim Schnibbeln. Wir lesen uns vor, singen, spielen, sorgen für die Kinder und für uns selbst. Jeden Tag frage ich mich, ob ich zurück nach Hause fahren sollte. Aber Zuhause werde ich ein Fremder sein. Das Leben aus vielen Terminen und Treffen, die mich immer wieder neu auffangen, gibt es nicht mehr. Auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, als wäre es nur optional. Das, was ich tue, was ich lebe, braucht eine Gesellschaft im Krisenmodus nicht. Vielleicht braucht sie es gar nicht.


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