Auf höchster politischer Ebene wird derzeit diskutiert, ob der umstrittene Staatspräsident Ägyptens ins Bademantel-Exil nach Baden-Baden gehen sollte. Beziehungsweise ob Deutschland sich dies moralisch leisten könne. Ob auch Bochum als Exil des Autokraten in Frage käme, soll hier kurz aufgeworfen werden:
1. Deutschland dürfe "keine Fluchthilfe leisten", findet Jürgen Trittin. Falls Mubarak etwa in einer gemütlichen Suite in der Bochumer JVA unterkommen würde, wäre Fluchthilfe gar nicht notwendig.
2. Mubaraks Vermögen wird auf 40 Milliarden Dollar geschätzt. Da Bochum derzeit mit etwa 1,4 Milliarden in der Kreide steht (allerdings Euro), könnten sowohl die Stadt als auch ihr potentieller Gast den Aufenthalt als Chance sehen. Hier kann Mubarak gestalten und die Stadt mit ihrer offenen und liberalen Atmosphäre heilsam auf den Geist des Despoten wirken.
3. Während eines Besuchs in Baden-Baden zeigte sich bereits 1998, das Mubarak ein ausgesprochener Liebhaber alter deutscher und österreichischer Blasmusik ist. Auch wenn mit dieser heißen Background-Info das Bademantel-Exil in Süddeutschland wieder wahrscheinlicher wird: Geeignete Programme wären sicher auch leicht im neuen Musikzentrum an der Bochumer Marienkirche einzurichten.
4. Wer Blasmusik mag, der mag auch Bier. Und das ist in Bochum bekanntlich besonders gut.
5. Mubarak geht auf die 83 zu. In Bochum wird dem demokratischen Faktor mitten in sein faltiges Angesicht gesehen und reagiert. Warum sollte das nicht auch ehemaligen Staatspräsidenten zugute kommen?
6. Man kann vielleicht nicht behaupten, dass die ägyptische Kultur im Bochumer Stadtgebiet deutliche Spuren hinterlassen hätte. Vor allem in der Peripherie wird das Brauchtum des Nil-Staates jedoch gepflegt.
7. Wie es mit Schminkkunst, Sauberkeit und Hygiene im alten Ägypten wirklich steht, würde sich die Ruhr-Uni von einem alten Ägypter sicher gern noch einmal ausführlich erklären lassen.
Ja, Bochum ist das Paradies auf Erden.
Solange wir nicht nach London, Paris oder Tokyo ziehen, bleiben wir dabei.
Montag, 7. Februar 2011
Das Mixtape-Problem
In diesen Tagen noch ein Mixtape aufzunehmen, ist wahrlich kein Zuckerschlecken. So viele Fragen zu klären. So viel Technik, wo es doch eigentlich um die Musik gehen sollte. Tatsächlich ein Tape aufzunehmen wäre natürlich völlig aus der Zeit gefallen, nahezu weltfremd. Kassettenrekorder führen schon seit vielen Jahren ein Schattendasein. Sie finden sich noch nicht einmal mehr in Autos, sondern höchstens noch in den Betten von nostalgischen jungen Erwachsenen, die zum Einschlafen gern Die Drei ??? hören oder TKKG. Auch mein Autoradio kann mit Kassetten nicht mehr umgehen. Also nehmen ich Mix-CDs auf. Das lief bisher immer so ab: Wenn ich das Gefühl hatte, mit den Lieblingsliedern aus der jünsten Vergangenheit 80 Minuten füllen zu können, speicherte ich eben diese Lieblingslieder von CDs auf meine Festplatte und brannte sie in einer sinnvollen Ordnung auf einen Silberling. Mittlerweile ist auch das ein typisches Dinosaurierverhalten. Man muss nur mal offen einen Diskman mit sich herumtragen - etwa im Regionalexpress von Bochum nach Düsseldorf -, um zu wissen, was ich meine. Kaum jemand kann derart abfällige Blicke ertragen. Heute kann ein anständiges Autoradio auch USB-Sticks oder angeschlossene MP3-Player abspielen. Der Entscheidung, eine Mix-CD zu brennen, ist das nostalgische Element also praktisch nicht mehr zu nehmen. Es gibt nur zwei halbwegs nachvollziehbare Argumentationen:
1. Das Autoradio kann doch noch nicht USB. Ist bei mir leider nicht der Fall.
2. Man bekennt sich offen zum Medium CD und seinen Eigenschaften. Das tue ich als Anhänger des Albumformats. 80 Minuten sind eine nahezu perfekte Länge für eine Kompilation, ähnlich den 90 Minuten des klassischen Mix-Tapes.
Einen halben Tag dauert es trotzdem, bis ich mich zu der Entscheidung durchringe, eine CD aufzunehmen. Den restlichen halben Tag, sie zusammenzustellen: Mit Erschrecken muss ich feststellen, dass die meisten meiner Lieblingslieder in den unterschiedlichsten Formaten auf meiner Festplatte existieren, das historische Programm, mit dem ich meine Mix-CDs zusammenstelle, jedoch nur MP3 kennt. Es geht also ans Konvertieren. Verschiedenste Programme müssen dazu heruntergeladen werden. Der anspruchsvollste Teil: Die ersten drei Minuten eines Keith-Jarrett-Solokonzerts, das ich nur auf DVD besitze. Ein DVD Audio Ripper ist sehr schwer zu finden und er rippt natürlich das ganze Kapitel in eine Datei. Also ein Schnittprogramm herunterladen, das den fertigen Schnitt als WAV-Datei mit 32Bit und 48000Hz ausspuckt. Wieder konvertieren. Am Ende habe ich etwa 100 Minuten Musik. Also doch lieber einen Ordner auf dem USB-Stick anlegen? Nein, das ist nicht wertig genug. Entscheidungen müssen her. Wirklich zwei Tom-Liwa-Songs? Klar, wie immer. Wirklich schon wieder Distelmeyer auf einen Mix? Auch hierzu ein klares Ja. Aber muss die 10-minütige, rare Pearl-Jam-Single wirklich mit? Eigentlich schon, weil ich sie im Auto so schön laut hören könnte, was in der Wohnung dank irrsinniger Nachbarn unmöglich ist. Und dann habe ich ja auch noch Seu Jorge wiederentdeckt. "Carolina" - war für ein toller Song! Belle & Sebastian muss endlich mal mit, Jim Sullivan fand ich nach der Empfehlung von Jan Wigger auch sehr hörenswert, KORT macht gute Laune, Joanna Newsom ist einfach zu süß, um sie zu löschen, John Grant ist immerhin Klauspeters Album des Jahres und Iron & Wine rocken perfekt aus der Platte raus. Jetzt sag ich schon Platte. Eigentlich müssten von Platte auch noch Titel auf die Mix-CD. Aber wenn ich das versuche, werd ich endgültig bekloppt. Wo ist überhaupt ein Rohling? Ich dachte, ich hätte noch einen. Einen allerletzten. Gleich ist es soweit: Ich ergebe mich. Es gibt kein Mixtape mehr. Auch nicht auf CD. Diese Zeiten sind endültig vorbei.
1. Das Autoradio kann doch noch nicht USB. Ist bei mir leider nicht der Fall.
2. Man bekennt sich offen zum Medium CD und seinen Eigenschaften. Das tue ich als Anhänger des Albumformats. 80 Minuten sind eine nahezu perfekte Länge für eine Kompilation, ähnlich den 90 Minuten des klassischen Mix-Tapes.
Einen halben Tag dauert es trotzdem, bis ich mich zu der Entscheidung durchringe, eine CD aufzunehmen. Den restlichen halben Tag, sie zusammenzustellen: Mit Erschrecken muss ich feststellen, dass die meisten meiner Lieblingslieder in den unterschiedlichsten Formaten auf meiner Festplatte existieren, das historische Programm, mit dem ich meine Mix-CDs zusammenstelle, jedoch nur MP3 kennt. Es geht also ans Konvertieren. Verschiedenste Programme müssen dazu heruntergeladen werden. Der anspruchsvollste Teil: Die ersten drei Minuten eines Keith-Jarrett-Solokonzerts, das ich nur auf DVD besitze. Ein DVD Audio Ripper ist sehr schwer zu finden und er rippt natürlich das ganze Kapitel in eine Datei. Also ein Schnittprogramm herunterladen, das den fertigen Schnitt als WAV-Datei mit 32Bit und 48000Hz ausspuckt. Wieder konvertieren. Am Ende habe ich etwa 100 Minuten Musik. Also doch lieber einen Ordner auf dem USB-Stick anlegen? Nein, das ist nicht wertig genug. Entscheidungen müssen her. Wirklich zwei Tom-Liwa-Songs? Klar, wie immer. Wirklich schon wieder Distelmeyer auf einen Mix? Auch hierzu ein klares Ja. Aber muss die 10-minütige, rare Pearl-Jam-Single wirklich mit? Eigentlich schon, weil ich sie im Auto so schön laut hören könnte, was in der Wohnung dank irrsinniger Nachbarn unmöglich ist. Und dann habe ich ja auch noch Seu Jorge wiederentdeckt. "Carolina" - war für ein toller Song! Belle & Sebastian muss endlich mal mit, Jim Sullivan fand ich nach der Empfehlung von Jan Wigger auch sehr hörenswert, KORT macht gute Laune, Joanna Newsom ist einfach zu süß, um sie zu löschen, John Grant ist immerhin Klauspeters Album des Jahres und Iron & Wine rocken perfekt aus der Platte raus. Jetzt sag ich schon Platte. Eigentlich müssten von Platte auch noch Titel auf die Mix-CD. Aber wenn ich das versuche, werd ich endgültig bekloppt. Wo ist überhaupt ein Rohling? Ich dachte, ich hätte noch einen. Einen allerletzten. Gleich ist es soweit: Ich ergebe mich. Es gibt kein Mixtape mehr. Auch nicht auf CD. Diese Zeiten sind endültig vorbei.
Donnerstag, 3. Februar 2011
Das Interview
Die können Kunst. Außerdem verkaufen sie eine ganze Pommesschale voll Sushi für 2,50 Euro. Ich bin gerne hier. Mit Heerscharen von Münsteraner Studierenden, die sich die unprätentiös präsentierte Kunst ihrer Kommilitonen anschauen. Und kann mich gar nicht entscheiden, was ich am liebsten mag: Die Hasenportraits im Stile alter Meister, die scheinbar achtlos zwischen Veranstaltungsplakaten hängen? Den Kubus, den man durch zwei Schleusen betritt, um dann mit fremden Menschen im Dunkeln zu stehen? Den formierten Schrotthaufen der irren Klasse des verrückten Professors Buetti? Sofas, Küchenherde, Stühle, Tische, Fernseher, Mikrowellen, Bücher, CDs und - wo noch Platz ist - Bierflaschen von Besuchern stapeln sich da zu einem deckenhohen und raumfüllenden Würfel. Ein megalomanisches und absolut einleuchtendes Kunstwerk. Da ich jedoch vermute, dass es der ein oder andere von euch nicht verstehen wird, werde ich es in einem der folgenden Einträge ausführlich erklären. Am Ende des etwa dreieinhalbstündigen Rundgangs (mit Pause), vorbei an 250 Exponaten der jungen Talente, bleibe ich an einem hängen: Helene Hanke (23) hat gleich zwei Wände vollfotografiert. Das Motiv: Sie selbst, 730 mal, zwei Jahre lang, jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen. Klare Kiste: Ich lade Sie zum ersten Interview in der jungen Geschichte des goldenen Westens.
Der goldene Westen: Frau Hanke, haben sie auch geblitzt?
Hanke: Ja, das gehörte zu meinem ästhetischen Konzept dazu. Die Bilder sollten wie typische Schnappschüsse mit einer billigen Kamera aussehen, die man zum Beispiel bei Saturn in Münster für 69 Euro hinterhergeschmissen bekommt und sich aber trotzdem von den Eltern kaufen lassen muss, weil die Studiengebühren so hoch sind. Aber warum fragen Sie?
Der goldene Westen: Weil das doch bestimmt sehr hell ist, so früh am Morgen...
Hanke: Ja, natürlich. Das tut richtig weh in den Augen. Aber es ist eine so schonungslos ehrliche und direkte Art des Selbstportraits. Vor diesem Blitz kann man nichts verbergen. Schlaf in den Augen, Schminkereste, Schweiß, Tränen, dunkle Ringe, Pickel, Wunden. Aber auch echtes Glück fangen diese Fotos ein: Wenn man in Anbetracht dieses brutalen Ritschratschkamerablitzes seelig lächelt, dann ist das tief empfunden und kaum anzuzweifeln.
Der goldene Westen: Sie haben scheinbar keinen Freund?
Hanke: Irgendwie mag ich Ihre Art zu fragen nicht und ich mag sie doch. Sie ist so schonungslos und direkt wie meine Aufnahmen. Aber ich verstehe nicht ganz...
Der goldene Westen: Naja, weil da nur zwei oder dreimal jemand neben ihnen liegt.
Hanke: Mein Freund war sehr skeptisch, als er von dem Projekt erfahren hat. Er sah darin eine gefährliche Mischung aus Egozentrismus und Selbstausbeutung. Als ich ihm dann auch noch von dem Blitz erzählte, hat er sich sofort getrennt. Er ist jetzt mit einer Hörbuchautorin liiert.
Der goldene Westen: Das klingt ja absurd.
Hanke: Ist es auch. Aber das mochte ich. Zwei Jahre lang habe ich die Männer mit meiner Kamera verschreckt, Freunde haben sich von mir abgewendet. Und erst heute, am Eröffnungstag dieser Ausstellung, kann ich meine triumphal richtige Entscheidung voll auskosten: Ich habe 35 Creditpoints bekommen!
Wir fassen also zusammen: Eine schöne Arbeit und eine interessante Persönlichkeit. Die mit großem Abstand beste Arbeit jedoch war ein mit Studierenden bestückter Bierautomat. Er hat wirklich ganz außergewöhnliche, unmöglich zu beschreibende Geräusche von sich gegeben. Und der dazugehörige Bierplan - eine Wucht!
Der goldene Westen: Frau Hanke, haben sie auch geblitzt?
Hanke: Ja, das gehörte zu meinem ästhetischen Konzept dazu. Die Bilder sollten wie typische Schnappschüsse mit einer billigen Kamera aussehen, die man zum Beispiel bei Saturn in Münster für 69 Euro hinterhergeschmissen bekommt und sich aber trotzdem von den Eltern kaufen lassen muss, weil die Studiengebühren so hoch sind. Aber warum fragen Sie?
Der goldene Westen: Weil das doch bestimmt sehr hell ist, so früh am Morgen...
Hanke: Ja, natürlich. Das tut richtig weh in den Augen. Aber es ist eine so schonungslos ehrliche und direkte Art des Selbstportraits. Vor diesem Blitz kann man nichts verbergen. Schlaf in den Augen, Schminkereste, Schweiß, Tränen, dunkle Ringe, Pickel, Wunden. Aber auch echtes Glück fangen diese Fotos ein: Wenn man in Anbetracht dieses brutalen Ritschratschkamerablitzes seelig lächelt, dann ist das tief empfunden und kaum anzuzweifeln.
Der goldene Westen: Sie haben scheinbar keinen Freund?
Hanke: Irgendwie mag ich Ihre Art zu fragen nicht und ich mag sie doch. Sie ist so schonungslos und direkt wie meine Aufnahmen. Aber ich verstehe nicht ganz...
Der goldene Westen: Naja, weil da nur zwei oder dreimal jemand neben ihnen liegt.
Hanke: Mein Freund war sehr skeptisch, als er von dem Projekt erfahren hat. Er sah darin eine gefährliche Mischung aus Egozentrismus und Selbstausbeutung. Als ich ihm dann auch noch von dem Blitz erzählte, hat er sich sofort getrennt. Er ist jetzt mit einer Hörbuchautorin liiert.
Der goldene Westen: Das klingt ja absurd.
Hanke: Ist es auch. Aber das mochte ich. Zwei Jahre lang habe ich die Männer mit meiner Kamera verschreckt, Freunde haben sich von mir abgewendet. Und erst heute, am Eröffnungstag dieser Ausstellung, kann ich meine triumphal richtige Entscheidung voll auskosten: Ich habe 35 Creditpoints bekommen!
Wir fassen also zusammen: Eine schöne Arbeit und eine interessante Persönlichkeit. Die mit großem Abstand beste Arbeit jedoch war ein mit Studierenden bestückter Bierautomat. Er hat wirklich ganz außergewöhnliche, unmöglich zu beschreibende Geräusche von sich gegeben. Und der dazugehörige Bierplan - eine Wucht!
Dienstag, 1. Februar 2011
Unerhört
Schon während des Essens ärgerte ich mich, dass ich niemals würde adäquat aufschreiben können, wie schlecht es wirklich war. Wo anfangen? Bei den Kartoffeln vielleicht. Nein, erstmal die Fakten: Essen gewesen bei Al Minero, dem Tapas-Laden mit der anmaßenden Internetadresse spanier-bochum.de. Als ob das irgendwie eine klare Sache sei: Der Spanier in Bochum ist Al Minero. Von wegen. In fußläufiger Entfernung gibt es das Tapas, Coco Loco und Una Mas. Das Gaudi ist wohl leider dicht. Allen dreien gebührte der Titel eine Weltenlänge mehr. Warum? Weil sie kein Tapas-Buffet des Grauens anbieten. Fangen wir bei den Kartoffeln an: Sie waren zu haben als verschrumpelte Ex-Ofenkartoffeln mit kilometerdicker Salzkruste, teilweise weniger als halbgar in einem Kartoffelsalat, den schon in den 90er Jahren jede Studenten-WG abgelehnt hätte. Und teilweise als Tortilla-Häppchen an Zahnstochern, direkt aus der seit dem Einkauf im Großmarkt nicht unterbrochenen Kühlkette. Kalt waren auch die Hackfleischbrocken in Tomatenpampe, das Hähnchen in einer Art Currysauce (indisch?), die zu einem bräunlichen Matsch zerfallenen, undefinierbaren Meeresfrüchte und - die Tomatensuppe. Mein Vater und ich rätselten kurz, ob wir es hier mit einer Gazpacho zu tun hätten. Dafür war die Suppe dann allerdings doch zu warm. Als Nachtisch standen zwei Tüten-Vlas in kalkblinden, schmucklosen Glasschüsseln bereit. Als die Kellnerin sich nach unserem Wohlbefinden erkundigte, deutete ich meinem Vater ein kurzes Kopfnicken an und er begann: "Naja, wir sind nicht wirklich zufrieden."
"Eigentlich überhaupt nicht zufrieden", spitzte ich zu
"Das ist ja alles kalt", erklärte mein Vater, "und außerdem im Prinzip geschmacksfrei. Ich frage mich außerdem, was ein Kartoffelsalat und gefüllte Eier mit Tapas zu tun haben. Das ist eher so 50er Jahre Deutschland."
"Dafür aber deutlich zu wenig Wirtschaftswunder", ergänzte ich, um die Situation ein wenig aufzulockern.
Die Kellnerin lächelte verlegen und machte merkwürdige Brumm- und Pfeifgeräusche.
"Wissen Sie", erklärte mein Vater höflich, "Ihr Restaurant wurde mir von meinem Bruder aus Lübeck empfohlen, Er hat sich am Tapas-Buffet-Tag hierher verlaufen und das Lokal unter Begeisterungsstürmen und drängend wieder verlassen. Es drängte ihn, alle Welt hierher zu schicken. Für mich lässt das nur einen Rückschluss zu: Die gastronomische Situation in Lübeck muss desolat sein. Und da fällt mir ein: Zu seinem Geburtstag lädt er nach Hamburg in eine Currywurstbude, die angeblich unglaublich deliziöse und höchst innovative Dinge mit der Wurst anstellt. Gott behüte, dass er da ähnlich falsch liegt! Die Rechnung bitte."
Wie freuten wir uns da: Sicher würden wir nun eingeladen und unter devoten Entschuldigungs-Verbeugungen der gesamten Küchencrew aus dem Laden geleitet. Doch alles kam unerhört anders.
"Eigentlich überhaupt nicht zufrieden", spitzte ich zu
"Das ist ja alles kalt", erklärte mein Vater, "und außerdem im Prinzip geschmacksfrei. Ich frage mich außerdem, was ein Kartoffelsalat und gefüllte Eier mit Tapas zu tun haben. Das ist eher so 50er Jahre Deutschland."
"Dafür aber deutlich zu wenig Wirtschaftswunder", ergänzte ich, um die Situation ein wenig aufzulockern.
Die Kellnerin lächelte verlegen und machte merkwürdige Brumm- und Pfeifgeräusche.
"Wissen Sie", erklärte mein Vater höflich, "Ihr Restaurant wurde mir von meinem Bruder aus Lübeck empfohlen, Er hat sich am Tapas-Buffet-Tag hierher verlaufen und das Lokal unter Begeisterungsstürmen und drängend wieder verlassen. Es drängte ihn, alle Welt hierher zu schicken. Für mich lässt das nur einen Rückschluss zu: Die gastronomische Situation in Lübeck muss desolat sein. Und da fällt mir ein: Zu seinem Geburtstag lädt er nach Hamburg in eine Currywurstbude, die angeblich unglaublich deliziöse und höchst innovative Dinge mit der Wurst anstellt. Gott behüte, dass er da ähnlich falsch liegt! Die Rechnung bitte."
Wie freuten wir uns da: Sicher würden wir nun eingeladen und unter devoten Entschuldigungs-Verbeugungen der gesamten Küchencrew aus dem Laden geleitet. Doch alles kam unerhört anders.
Sonntag, 30. Januar 2011
Im Rausch
Ich könnte mich leicht damit abfinden, reich zu sein. In der Wellnesstherme fiel mir einst ein Paar auf: Sie blond, er schwarzhaarig. Beide unglaublich schön und elegant, eine gewisse Noblesse, feine Arroganz und wohldosierte Asozialität ausstrahlend. Selbst im Bademantel. Sie im kleinen Schwarzen und er in einer sicher sündhaft teuren Jeans bestiegen schließlich ein geschlossenes Cabriolet und fuhren heim. Nach Stiepel? Oder in ein kleines Anwesen, ein Familienschloss vielleicht, nahe Köln. Morgens fährt er "arbeiten" im Unternehmen ihres Vaters. Keiner weiß genaues über seinen Aufgabenbereich, er am allerwenigsten. Nach ein paar Stunden kommt er wieder nach Haus, schaut seiner Frau beim Reiten zu. Sie machen etwas Fitness, bestellen Mittag bei der Küchenmagd und unterhalten sich schließlich über machtvolle Belanglosigkeiten. "Wirklich, Rutger ist jetzt Sales Manager in New York? Naja, hier in Deutschland werden die Marktbedinungen ja auch immer schlechter. Lohnnebenkosten und so. Sagt auch dein Vater."
Das ist doch ein Leben! Und jetzt war ich selbst eingeladen bei reichen Leuten. Eine etwas andere Art allerdings: Sympathische Reiche, die mit ihrem Lions Club in arme Regionen fahren und soziales Engagement für wirklich wichtig erachten. Natürlich trifft man sich ab und an zum geheimen Wild essen, Wein trinken und Jazz hören. Mit verbundenen Augen werden meine Begleiterin und ich an einen unbekannten Ort gefahren, nach etwa zwanzig Minuten sind wir da. Stiepel? Der Raum ist schlicht, aber ungeheuer stilvoll eingerichtet. Und ebenso geschmückt. Nur Kerzenschein und sehr wenig indirektes Sparbirnenlicht beleuchten die langen Tischreihen. Die Pianistin ist ein junges rumänisches Talent, extra eingeflogen, und als sie ansetzt, ist klar: Das ist doch kein Jazz! Sie spielt Chopin und Debussy mit Temperament und einer ungeheuren Leidenschaft, dass der mittelmäßige Flügel knarzt und scheppert. Vor der Zugabe, zu der sie unübersehbar ansetzen will, unterbricht der Weinhändler: "Die Küche muss jetzt auftischen, sonst ist das Essen nicht mehr auf dem Punkt".
"In Deutschland immer alles perfekt organisiert!", moppert das junge Talent schwer beleidigt und zieht mit ihrem ebenfalls eingeflogenen Begleiter ab. Erstmal eine rauchen.
Der Weinhändler, ein Professor, beginnt derweil mit einem Syrah und bringt gleich eine Frankreich-Karte mit: Da und dort kommt der und der Wein her, der so und so gekeltert wird. Ganz ohne Chemie und streng nach dem Mondkalender. Das gefällt mir natürlich und ich lasse nachschenken. Nicht ahnend, dass das Nummer eins von zehn war. Zum Finale ein streng limitierter Weißer, nur hundert Flaschen werden pro Jahr hergestellt, heute für 55 Euro im Sonderangebot. "Uh", sagt meine Begleiterin angewidert, und schiebt das Glas herüber. "Trink du mal." Gern. Als immer neue Grundlagen werden Terrine von Hase und Reh, Essenz vom Fasan, Medaillons von Reh und Frischling und Pflaumen-Pumpernickel-Creme serviert. Spätestens bei Wein Nummer acht werden auch die über 70-Jährigen gesprächig, holen ihre iPhones hervor und googlen nach längst vergessenen Schlagersängerinnen. "Es gibt über 37.000 Apps", klärt mich der Ex-OB einer Ruhrgebietsgroßstadt auf, "da ist natürlich viel Spielerei."
Ich stimme ihm zu und lächele wissend, obwohl ich von iPhones selbstverständlich keine Ahnung habe. Dafür bin ich nämlich zu jung. Aber einige zehntausend sinnvolle Apps wird es doch sicher geben. Der Ex-OB ist aber schon bei einem anderen Thema: "Ich frage die Leute immer: Was kann man hier nicht, was man woanders kann? Sogar die Schweizer Ski-Nationalmannschaft kommt zum Trainieren nach Bottrop."
"Im Sommer", schränkt ein Sitznachbar ein.
Ich bin trotzdem schwer begeistert und rede mich mit dem ehemaligen Stadtoberhaupt in einen Rausch: "Es gibt absolut keinen Grund aus Bochum wegzuziehen, da stimme ich ihnen absolut zu. Das Kulturangebot! Die aufblühende Hochschullandschaft! Das viele Grün! Die Kneipen! Die Menschen! Nur ein Meer gibt es hier nicht und man kann nicht wandern."
"Alpines Wandern", schränkt der weise Mann ein.
Und er hat natürlich Recht: Sogar Wandern kann man in Bochum. Binnen zwei Stunden habe man jeden Auswärtigen von den Vorzügen der Stadt überzeugt, auf dieses Durchschnittstempo können wir uns einigen. Wir applaudieren dem Küchen- und Serviceteam, danken dem Weinprofessor, versuchen das rumänische Jazztalent zu einer weiteren Nummer aus ihrem Marlene-Dietrich-Programm zu überreden und beißen auf Granit. Wir betreten den heiligen Boden der Stadt Bochum. Jetzt sehenden Auges. Doch es ward geblendet vom Glanz selbst der Nacht. Jetzt erstmal Geld verdienen. Aber das, ausgerechnet!, ist ja nicht so leicht in Bochum.
Das ist doch ein Leben! Und jetzt war ich selbst eingeladen bei reichen Leuten. Eine etwas andere Art allerdings: Sympathische Reiche, die mit ihrem Lions Club in arme Regionen fahren und soziales Engagement für wirklich wichtig erachten. Natürlich trifft man sich ab und an zum geheimen Wild essen, Wein trinken und Jazz hören. Mit verbundenen Augen werden meine Begleiterin und ich an einen unbekannten Ort gefahren, nach etwa zwanzig Minuten sind wir da. Stiepel? Der Raum ist schlicht, aber ungeheuer stilvoll eingerichtet. Und ebenso geschmückt. Nur Kerzenschein und sehr wenig indirektes Sparbirnenlicht beleuchten die langen Tischreihen. Die Pianistin ist ein junges rumänisches Talent, extra eingeflogen, und als sie ansetzt, ist klar: Das ist doch kein Jazz! Sie spielt Chopin und Debussy mit Temperament und einer ungeheuren Leidenschaft, dass der mittelmäßige Flügel knarzt und scheppert. Vor der Zugabe, zu der sie unübersehbar ansetzen will, unterbricht der Weinhändler: "Die Küche muss jetzt auftischen, sonst ist das Essen nicht mehr auf dem Punkt".
"In Deutschland immer alles perfekt organisiert!", moppert das junge Talent schwer beleidigt und zieht mit ihrem ebenfalls eingeflogenen Begleiter ab. Erstmal eine rauchen.
Der Weinhändler, ein Professor, beginnt derweil mit einem Syrah und bringt gleich eine Frankreich-Karte mit: Da und dort kommt der und der Wein her, der so und so gekeltert wird. Ganz ohne Chemie und streng nach dem Mondkalender. Das gefällt mir natürlich und ich lasse nachschenken. Nicht ahnend, dass das Nummer eins von zehn war. Zum Finale ein streng limitierter Weißer, nur hundert Flaschen werden pro Jahr hergestellt, heute für 55 Euro im Sonderangebot. "Uh", sagt meine Begleiterin angewidert, und schiebt das Glas herüber. "Trink du mal." Gern. Als immer neue Grundlagen werden Terrine von Hase und Reh, Essenz vom Fasan, Medaillons von Reh und Frischling und Pflaumen-Pumpernickel-Creme serviert. Spätestens bei Wein Nummer acht werden auch die über 70-Jährigen gesprächig, holen ihre iPhones hervor und googlen nach längst vergessenen Schlagersängerinnen. "Es gibt über 37.000 Apps", klärt mich der Ex-OB einer Ruhrgebietsgroßstadt auf, "da ist natürlich viel Spielerei."
Ich stimme ihm zu und lächele wissend, obwohl ich von iPhones selbstverständlich keine Ahnung habe. Dafür bin ich nämlich zu jung. Aber einige zehntausend sinnvolle Apps wird es doch sicher geben. Der Ex-OB ist aber schon bei einem anderen Thema: "Ich frage die Leute immer: Was kann man hier nicht, was man woanders kann? Sogar die Schweizer Ski-Nationalmannschaft kommt zum Trainieren nach Bottrop."
"Im Sommer", schränkt ein Sitznachbar ein.
Ich bin trotzdem schwer begeistert und rede mich mit dem ehemaligen Stadtoberhaupt in einen Rausch: "Es gibt absolut keinen Grund aus Bochum wegzuziehen, da stimme ich ihnen absolut zu. Das Kulturangebot! Die aufblühende Hochschullandschaft! Das viele Grün! Die Kneipen! Die Menschen! Nur ein Meer gibt es hier nicht und man kann nicht wandern."
"Alpines Wandern", schränkt der weise Mann ein.
Und er hat natürlich Recht: Sogar Wandern kann man in Bochum. Binnen zwei Stunden habe man jeden Auswärtigen von den Vorzügen der Stadt überzeugt, auf dieses Durchschnittstempo können wir uns einigen. Wir applaudieren dem Küchen- und Serviceteam, danken dem Weinprofessor, versuchen das rumänische Jazztalent zu einer weiteren Nummer aus ihrem Marlene-Dietrich-Programm zu überreden und beißen auf Granit. Wir betreten den heiligen Boden der Stadt Bochum. Jetzt sehenden Auges. Doch es ward geblendet vom Glanz selbst der Nacht. Jetzt erstmal Geld verdienen. Aber das, ausgerechnet!, ist ja nicht so leicht in Bochum.
Mittwoch, 26. Januar 2011
Ich blogge
Nein. Ich kann nicht behaupten, man hätte mich nicht gewarnt. Während ich in meiner schönen, ruhigen, innenstadtnahen Loftwohnung sitze und Hustinettenbären von Aldi mit Glenmorangie vom Scotch-Fachhändler herunterspüle, fallen mir die Worte des befreundeten Singer/Songwriters ein: "Hör auf meine Worte: Schreib auf gar keinen Fall einen Blog! Wie kommst du überhaupt auf so eine bescheuerte Idee? Das macht mich jetzt fast ein bisschen wütend!"
"Warum denn?"
"Weil das dann doch auch Leute lesen müssen."
"Naja, das MUSS ja keiner lesen."
"Aber du wirst natürlich all deinen Freunden von dem Blog erzählen und dann immer fragen, ob sie es gelesen haben und wenn nicht, dann bist du sauer. Dadurch fühlen sie sich verpflichtet, halten irgendwann den Druck nicht mehr aus und gehen dir schlussendlich aus dem Weg."
Der Singer/Songwriter hielt einen Blog also für eine Freunschaftsvernichtungsmaschine. "Außerdem", sagte er, "wird doch wahrlich schon genug geschrieben. Da ist jedes Wort, das ungeschrieben bleibt, ein Segen."
Da hatte er einen wunden Punkt getroffen: Exakt dieser Meinung war ich nämlich ungefähr auch. Aber ich wollte mich doch auch äußern, so ganz frei heraus. Zu Themen, die mir unter den Fingernägeln jucken.
"Das ist genau das Problem, Max", klärte mich Ulrich auf.
Ulrich ist eine echte Kapazität auf unglaublich vielen Gebieten. Deshalb zucke ich aus Gewohnheit immer erstmal zusammen, wenn er so etwas, wenn er irgendetwas sagt. Ich schlucke übertrieben laut, werde rot und kann vor Nervosität nicht mehr nachdenken. Sondern nur noch blöde Fragen stellen: "Äh, was ist das Problem?"
"Dass du denkst, du kannst da frei heraus schreiben. Wenn du willst, dass der Blog gelesen wird, musst du überall und mit jedem vernetzt sein, auf den wichtigen Blogs der Region verlinkt. Da müssen interessante Themen her, cool aufbereitet, irgendwie anders. Niemand darf sich langweilen, niemand auf den Schlips getreten fühlen. Einen Blog schreiben ist wie das Korsett noch enger schnallen. Und wen interessiert schon, was dir unter den Nägeln brennt? Ich würde dir stark davon abraten, überhaupt anzufangen! Mensch Max! Aber muss du wissen..."
Aber woher um alles in der Welt sollte ich das jetzt noch wissen? Mein Selbstvertrauen war dahin. Ich hatte Angst.
"Angst muss man sich immer stellen. Es gibt nämlich gar keine Angst. Zumindest nicht als etwas negatives", riet mir der Singer/Songwriter kryptisch. Innerhalb von nur sieben Tagen und Nächten kreierte ich also einen Blog, schrieb einen ersten Eintrag und holte Meinungen ein.
"Ist doch cool", fand ein Bekannter aus dem Theaterbereich. "Allerdings habe ich keine Ahnung, was ein Blog ist. Früher hätte man das Kurzgeschichte genannt."
"Du hast was??", fragte meine Mutter entgeistert.
"Ich habe mir eine Waschmaschine gekauft, damit ich endlich unabhängig bin", entgegnete ich. "Aber wie findest du meinen Blog?"
"Ja, ganz witzig, aber verstanden habe ich nichts."
Der Singer/Songwriter hatte ihn nicht gelesen. Ulrich schaute nur eine Zeitlang arrogant, als ich ihn darauf ansprach. Tommi und Sebi fragten mich, ob das denn wirklich so gewesen sei. Martina fand: "Schöner Text - aber so typisch." Und nur Karl, mein bester Freund auf Erden, ermutigte mich schließlich: "Worüber man sich früher unterhalten hat, blogt man heute. Und mit dir konnte ich mich immer gut unterhalten."
Ich machte also weiter. Entgegen aller Widerstände. Bloggen als Selbstbehauptung in einer feindlichen Umwelt. "Falls du an meiner ehrlichen Meinung interessiert bist", schreibt mir gerade Rolf im Facebook-Chat, "dein erster Eintrag war wirklich richtig gut, aber danach kam erstmal nichts. Wohl Ladehemmung. Und dann ging es ungebremst bergab." Ich mag den Winter.
"Warum denn?"
"Weil das dann doch auch Leute lesen müssen."
"Naja, das MUSS ja keiner lesen."
"Aber du wirst natürlich all deinen Freunden von dem Blog erzählen und dann immer fragen, ob sie es gelesen haben und wenn nicht, dann bist du sauer. Dadurch fühlen sie sich verpflichtet, halten irgendwann den Druck nicht mehr aus und gehen dir schlussendlich aus dem Weg."
Der Singer/Songwriter hielt einen Blog also für eine Freunschaftsvernichtungsmaschine. "Außerdem", sagte er, "wird doch wahrlich schon genug geschrieben. Da ist jedes Wort, das ungeschrieben bleibt, ein Segen."
Da hatte er einen wunden Punkt getroffen: Exakt dieser Meinung war ich nämlich ungefähr auch. Aber ich wollte mich doch auch äußern, so ganz frei heraus. Zu Themen, die mir unter den Fingernägeln jucken.
"Das ist genau das Problem, Max", klärte mich Ulrich auf.
Ulrich ist eine echte Kapazität auf unglaublich vielen Gebieten. Deshalb zucke ich aus Gewohnheit immer erstmal zusammen, wenn er so etwas, wenn er irgendetwas sagt. Ich schlucke übertrieben laut, werde rot und kann vor Nervosität nicht mehr nachdenken. Sondern nur noch blöde Fragen stellen: "Äh, was ist das Problem?"
"Dass du denkst, du kannst da frei heraus schreiben. Wenn du willst, dass der Blog gelesen wird, musst du überall und mit jedem vernetzt sein, auf den wichtigen Blogs der Region verlinkt. Da müssen interessante Themen her, cool aufbereitet, irgendwie anders. Niemand darf sich langweilen, niemand auf den Schlips getreten fühlen. Einen Blog schreiben ist wie das Korsett noch enger schnallen. Und wen interessiert schon, was dir unter den Nägeln brennt? Ich würde dir stark davon abraten, überhaupt anzufangen! Mensch Max! Aber muss du wissen..."
Aber woher um alles in der Welt sollte ich das jetzt noch wissen? Mein Selbstvertrauen war dahin. Ich hatte Angst.
"Angst muss man sich immer stellen. Es gibt nämlich gar keine Angst. Zumindest nicht als etwas negatives", riet mir der Singer/Songwriter kryptisch. Innerhalb von nur sieben Tagen und Nächten kreierte ich also einen Blog, schrieb einen ersten Eintrag und holte Meinungen ein.
"Ist doch cool", fand ein Bekannter aus dem Theaterbereich. "Allerdings habe ich keine Ahnung, was ein Blog ist. Früher hätte man das Kurzgeschichte genannt."
"Du hast was??", fragte meine Mutter entgeistert.
"Ich habe mir eine Waschmaschine gekauft, damit ich endlich unabhängig bin", entgegnete ich. "Aber wie findest du meinen Blog?"
"Ja, ganz witzig, aber verstanden habe ich nichts."
Der Singer/Songwriter hatte ihn nicht gelesen. Ulrich schaute nur eine Zeitlang arrogant, als ich ihn darauf ansprach. Tommi und Sebi fragten mich, ob das denn wirklich so gewesen sei. Martina fand: "Schöner Text - aber so typisch." Und nur Karl, mein bester Freund auf Erden, ermutigte mich schließlich: "Worüber man sich früher unterhalten hat, blogt man heute. Und mit dir konnte ich mich immer gut unterhalten."
Ich machte also weiter. Entgegen aller Widerstände. Bloggen als Selbstbehauptung in einer feindlichen Umwelt. "Falls du an meiner ehrlichen Meinung interessiert bist", schreibt mir gerade Rolf im Facebook-Chat, "dein erster Eintrag war wirklich richtig gut, aber danach kam erstmal nichts. Wohl Ladehemmung. Und dann ging es ungebremst bergab." Ich mag den Winter.
Freitag, 21. Januar 2011
Herbert, Xavier, Philipp, Alin, Tom, Judith
Während ich Zuhause sitze und Wir sind Helden höre, auch so ein ganz wichtiger Leitstern in der deutschsprachigen Popmusik, denke ich an den vergangenen Abend. An Herbert Grönemeyer, Philipp Poisel, Xavier Naidoo, Alin Coen, Tom Liwa, Jochen Distelmeyer und heute völlig unbekannte Berliner Jazzer für 12 Mark. Was da alles zusammenkam, im Kultclub Zeche. Wenn die Nachwehen der beschwerliche Reise ins entfernte Weitmar endlich aus den Knochen weichen, wird klar, was hier zu erleben ist mit Auge und Ohr am Puls der Zeit: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Popgeschichte. Auf der Bühne: Philipp Poisel, eine Entdeckung vom "berühmtesten Sohn unserer Stadt" (Zitat Durchschnittsbürger) Herbert Grönemeyer, verlegt auf dessen Label Grönland. Philipp Poisel hat einen Pathos wie Herbert, singt wie Xavier Naidoo, nur knödeliger und wenn er spricht, dann wie ein Marathonläufer bei Kilometer 39. "Der hat einen Atemfehler", vermutet meine Begleiterin Miriam. Beim Singen fällt das gar nicht weiter auf. Aber die Texte, auch wenn sie nicht den Höhepunkt der abendländischen Lyrik darstellen, kann er niemals selbst geschrieben haben. Er sagt nämlich Sätze wie: "Ich wollte immer ein Album machen, wo eine Aussage hat." Trotzdem hängen hunderte junger Frauen, ja, man möchte sie als Mädchen bezeichnen, an seinen Lippen, raunen braungebrannte Surferromantik durch den geschichtsträchtigen Saal und kneifen manchmal ihre Partner in den Hintern: "Kannst du nicht auch mal so süß sein, wie der?" Wenn irgendwann alles gleich klingt, ist genug Zeit, den Wandbehang zu studieren: Ein Zechenprogramm aus dem Jahr 1981. "Wolfgang Niedeckens BAP" spielen da für 8 Mark, ermäßigt 6. Ein Berliner Jazzprojekt (Ukundu Maluku?) hingegen kostet stattliche 18 Mark. Verkehrte Welt. Heute spielen BAP vor hundertausenden im Hyde Park, während es in Berlin gar keinen Jazz mehr gibt, sondern nur noch Techno und vereinzelt Songwriting. Im genialen Nebenraum malt schon die fleißige Vorband Plakate (CDs und Poster hier!!!). Warum der Nebenraum genial ist? Weil da auf einem Monitor und in guter Soundqualität das Konzert zu verfolgen ist und man dabei Kickern kann. Wer die Vorband ist? Alin Coen aus Weimar, die eigentlich mal ein Album mit Tom Liwa aufnehmen wollte, jetzt aber mit Band beim Label "Pflanz einen Baum" gelandet ist. "Es gibt nur noch Illuminaten oder liebenswerte Spinner im Biz", findet Tom per SMS. Und Alin erklärt: "'Pflanz einen Baum' war so ein Metal-Core-Hit von uns", und grunzt es mir ins Ohr: "PFLANZ! EINEN! BAUM!". Ja, liebenswerte Spinner. Wie hab ich nochmal angefangen? Achja: Wir sind Helden. Die Platte ist jetzt zu Ende. Neues Best-of-Album heißt "Tausend Wirre Worte" enthält wirklich Hits Hits Hits. Muss jetzt aber zum Schluss kommen. Fehlerkorrektur und lustige Links folgen demnächst. Danke.
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