Montag, 12. August 2013

Bubbles: 30 Jahre Haldern Pop

Die Momente, in denen ich wirklich gern sterben würde, haben immer mit Musik zu tun. Als ich zum dritten oder vierten Mal das Köln Concert hörte und mich die Töne in diese seltsame Trance zwischen Melancholie, Glück und absoluter Klarheit versetzten – Klarheit scheinbar in Bezug auf alles. Dann das Konzert der Unthanks in der Kölner Kulturkirche: Nach einem heftigen Streit mit meiner damaligen Freundin gaben mir die Vokalharmonien der englischen Schwestern zum ersten Mal eine Ahnung davon, was der Pastor in der Sonntagschule gemeint haben konnte mit der absoluten Reinheit des Engelsgesangs (den Gemeindechor nämlich sicher nicht). Was für ein Soundtrack für den Weg zum Himmel! Oder ins Nirwana. Oder wohin auch immer. Was das jetzt alles mit dem Haldern Pop Festival am Niederrhein zu tun hat? Na, da gibt es auch seit zehn Jahren immer mindestens einen Moment, in dem ich mit mir und der Welt völlig im Reinen bin und alles seine Ordnung hat. Einen perfekten Moment zum Abtreten.

Vergangenes Jahr war das die überraschende Begegnung mit Bob Dylan, genauer: der Beginn unseres Gesprächs über Seifenblasen. Dem bekannten US-amerikanischen Folksänger war aufgefallen, dass hier, auf dem Haldern Pop, seiner Konzerterfahrung nach außergewöhnlich viele Menschen Seifenblasen in die Lüfte bliesen. „Bubbles“, pflegte er zu sagen und dabei das „u“ wie ein deutsches „u“ und nicht wie ein „a“ auszusprechen. Ständig unterbrach er seine Sätze, zeigte mit dem spitzen Zeigefinger seiner dürren, rechten Hand irgendwo hin: „Look at these bubbles.“ Nach der dritten oder vierten Unterbrechung versank er minutenlang in Gedanken. Um dann zu befinden: „Sie erinnern uns das Sterben und gleichzeitig an die vielen schönen Momente, die wir auf dem Weg dorthin erleben. Im besten Fall trifft beides zusammen – wie beim Zerplatzen einer Seifenblase.“ Wie praktisch in jeder Phase des Gesprächs mit Dylan hätten wir eigentlich nur Nicken und aus vollem Herzen „Genau“ sagen wollen. Aber wir wollten natürlich auch, dass das Gespräch weiterging und mehr Weisheiten gebar. Also fragte ich: „Haben die Seifenblasen nicht auch etwas mit dem Wesen der Popmusik zu tun: Der schöne Schein mit kurzer Halbwertzeit? Die hochfliegenden Träume, immer etwas zu schillernd, um der Realität standzuhalten?“ Was für ein unglaublicher Journalistenblödsinn, dachte ich, gleich nachdem ich diesen unausgegorenen Gedankenmost ausgesprochen hatte. „I'm sure you're right, man”, sagte der berühmte Singer/Songwriter. So, dass völlig klar war, dass er sich alles andere als sicher damit war.

Auf dem diesjährigen Haldern, dem 30. Jubiläum des Indiepop-Festivals, hatte die Seifenblasendichte scheinbar noch zugenommen. Menschen jeder Altersgruppe – Jugendliche aus der Nachbarschaft, Großstadt-Nerds und Hipster um die 20, ganze Familien in eleganter, moderner Hippie-Tracht, silberne Altrocker – sie schossen aus allen Rohren: Mit der normalen Pustefix-Ausrüstung, mit lautlosen oder laut quietschenden, automatischen Pistolen, die massenweise feine, kleine Blasen ausspuckten, mit Riesenblasenringen oder so einem länglichen Ding, dass Knubbel aus verschieden großen Seifenblasen in das Sonnenuntergangslicht entließ. Kein Foto durfte gemacht werden, ohne das jemand eine Seifenblase darüber blies. Kein Sänger nahm bloß ein Bad in der Menge, immer ließ er sich auch auf einen Tanz mit Seifenblasen ein. Und wisst ihr was? Ich fand das gut.

Wo wir schon beim Thema Fotografieren sind (vier Sätze weiter oben): Auf dem Haldern wird lomographiert. Niemand hier besitzt ein Smartphone. Niemand hier würde ein Foto derart entwerten, dass er es per Snapchat, Instagram, Flickr, Tumblr, Twitter, Facebook oder was auch immer mal eben an seine „Freunde“ (was sind das für Freunde?) absetzte. Auf dem Haldern wird jeder Moment mit vollen Sinnen erlebt und nicht in den leeren Raum geteilt. Das klingt jetzt vielleicht überspitzt und ironisch, aber die Sache hat doch einen wahren Kern, den ich in unserer Camping-Gruppe fand. Über viele Jahre ist sie zusammengewachsen aus Kölnern, Frankfurtern, Wienern, Istanbulern, Bochumern, Dortmundern Duisburgern, Leverkusenern, Göttingern und so weiter. Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen, Vorlieben, Geschmäckern, Schlaf-Wach-Rhythmen, Trinkfestigkeiten – die eines eint: Das Festival auf der Kuhwiese im kleinen Dorf Haldern am Niederrhein als erweiterte, neue, bessere Heimat zu fühlen. Schon am zweiten Tag war allen ins Gesicht geschrieben: „Bald ist es wieder vorbei, wie schrecklich.“


Den ganzen Samstagnachmittag bildeten wir auf dem tropisch grünen Sitzsack der Dortmunder eine Kuscheltrutzburg gegen das unabwendbare Übel. „Was für ein guter Moment, um zu sterben“, dachte ich, aber das Herz schlug gleichmäßig. Wir lagen da und starrten durch geliehene Nerdsonnenbrillen auf schmale Wolkenfetzen, als ich plötzlich eine junge Frau bemerkte, die im Schneidersitz an der Feuerstelle Platz genommen hatte. Ich sagte ihr ein freundliches und ehrerbietendes „Hallo“. „Hallo“, entgegnete sie und blickte uns aus tiefbraunen Augen an, die wie hinter einem Schleier lagen. Ihr Blick war mit offenen Augen verschlossen. „Ich beobachte das in letzter Zeit verstärkt, dass die Menschen sich aneinander festhalten“, sagte sie dann. „Was wir heute soziales Netzwerk nennen, ist eigentlich nur ein Ausdruck von Macht, ein Statussymbol, ein Erfolgmessgerät, ein Schmuckstück. Das Bedürfnis nach menschlicher Wärme und Liebe verstärkt es nur, es verzerrt die Wirklichkeit, verschiebt die Verhältnisse. Das Internet scheint dafür gemacht, Blasen zu produzieren.“ Und dann, was ich wirklich schräg fand, wiederholte sie das Wort noch einmal auf Englisch: „Bubbles“. Mit einem deutschen „u“.

Ich fragte Anna, woher sie kommt. Sie sagte, dass ihre zweite Heimat, die nach dem Haldern, eine schöne Stadt im Ruhrgebiet sei. Eine, die niemandem als schön gelte: Den einen sei sie zu provinziell, den anderen zu grau, den wieder anderen zu fad und den ganz anderen bot sie zu wenige Arbeitsplätze im Medienbereich. Anna jedoch hatte in Bochum ihr Paradies auf Erden gefunden. Unprätentiöse Menschen, direkt, offen und ehrlich, illegale Goa-Partys auf versteckten, grünen Brachgeländen, Bienenstöcke auf dem WG-Balkon, verwunschene Stadtviertel und ein Wellenfreibad. Wer wohnt schon in Düsseldorf? Ich erinnerte mich, dass einer meiner Arbeitgeber, die Redaktion eines Stadtmagazins, in Bochum residierte. Einen Tag nach Ende des Haldern-Jubiläums steckte ich tief in der Nach-Festival-Depression. Das Leben machte keinen Sinn mehr und ich mich auf, das Stadtmagazin zu besuchen. Die Stimme des Redakteurs klang am Telefon immer so sanft und beruhigend. „Du überziehst jede Deadline“, schimpfte er beim Besuch in Bochum. „Aber weil du so traurig bist, will ich dir jetzt ein Eis kaufen. Zwei Kugeln im Hörnchen: Himbeer-Minze und Gurke.“ Das Bochumer Eis sei sehr lebenswert und habe schon viele zerstörte Männer wieder auf die Beine gebracht.


Nachtrag:
Bands haben auch gespielt auf dem 30. Haldern Pop. Aber das kann man ja heute in der Printausgabe der Ruhr Nachrichten nachlesen.

Montag, 13. August 2012

Bob Dylan’s 2012th Dream

Es fühlte sich überraschend perfekt an, ganz allein auf dem Zeltplatz. Im Campingstuhl am Chaostisch unter den Baumarkt-Pavillons. Irgendein Biermix-Zeug im Getränkehalter. Im Westen ein goldener Sonnenuntergang. Aus dem Osten dröhnt Musik. Die Tune-Yards? Egal. Mit der Gitarre in der Hand die zweite Strophe von Katja niedergeschrieben: „Katja glaubt schon lange an das Ende / Und das es ganz bestimmt schon sehr bald kommen wird.“ Ganz bestimmt schon sehr bald… kann man nicht komplett zufrieden mit sein. Aber es wird wohl klar: Katja glaubt ans Ende. Der Welt? Wahrscheinlich. Zumindest ihrer Welt. Vielleicht wartet sie sogar darauf. Die anderen kommen zurück. Trinken, talken, grillen. Am eigentlich blauen Horizont blitzt kurz die Ahnung einer schwarzen Wolke auf. Eine sehr dichte Wolke, die aus Vögeln zu bestehen scheint. Aus schwarzen Raben, die zu Asche zerfallen oder so. Die Asche wird zu einem Mann im schmal geschnittenen dunklen Anzug mit Stock und Hut. Er wandert umher, aber geht ein wenig unrund. Wie ein Huhn. Oder Geier.

Ich denke zurück an mein erstes Haldern-Festival. 2003 muss das gewesen sein. Patti Smith spielte zum 20. Jubiläum. Die legendäre Patti Smith. Vor ihrem Auftritt spazierte sie gedankenverloren über den Zeltplatz. Einfach so. Die Leute tuschelten: „Ist das Iggy Pop?“ Bald verbreitete sich die Nachricht: Die berühmte Künstlerin, beste Interpretin von Springsteens „Because The Night“, läuft hier einfach so umher. Ganz volksnah. Wie auf der Suche nach dem Woodstock-Spirit, beziehungsweise dem, was heute davon übrig ist. Das hat ihr ganz schön Zeltplatz-Credibility eingebracht. Ob sie sich tatsächlich mit Festivalbesuchern unterhalten hat, ist nicht überliefert.

Anders als meine Geschichte. Sie handelt von tba, also dem freien Slot auf dem Haldern-Spielplan ein Jahr vor dem 30. Jubiläum. Schnell machte ein absurdes Gerücht die Runde: Bob Dylan sollte ihn füllen. Es ist klar, was das heißt: Alle halten das für groben Unsinn – unwahrscheinlicher geht’s ja auch nicht – aber sind auch fasziniert. Gerüchte über die noch geheimen Bands haben hier bislang immer gestimmt. Und jetzt wackelt da dieser Mann im schwarzen Anzug umher. Während ich die Worte der zweiten Katja-Strophe im Kopf jongliere, beobachte ich die Szenerie. Und stelle bei genauerem Hinsehen fest: Der Mann wird verfolgt von zwei oder sogar drei weiteren Typen. Sie sehen ziemlich unauffällig aus, das heißt: sie sind nur unwesentlich älter als der für Popfestivals doch relativ alte Durchschnittsbesucher hier und tragen irgendwie so Jeans und T-Shirt. Sie halten sich in ziemlich sicherer Entfernung, das heißt: sie könnte einen Angreifer höchstwahrscheinlich vor dem Tod des berühmten Songwriters erledigen, werden aber trotzdem nicht gleich blöd als Bodyguards erkannt.

Während ich so daher denke, kommt mir plötzlich alles gar nicht mehr so unwahrscheinlich vor: Bob Dylan spielt momentan fast immer vor fünf- bis siebentausend Zuschauern, also genau der Haldern-Besucherzahl. Er mag Open-Airs. Der Wind, der (Antworten) über die Bühne weht, entlockt ihm manchmal ein Lächeln. Und die Sonne erleichtert ihm den Blues. Er mag es, neue Generationen zu knacken und nicht immer dieselben eingerosteten Visagen bei seinen Konzerten zu sehen. Etwas in der Art sagt er jedenfalls in seinen Chronicles. Ich glaube: Er schaut deshalb selten bis nie ins Publikum, weil er Angst vor diesen Gesichtern hat – und dass er sie als Spiegel deuten könnte. Und warum sollte dieser Bob Dylan, den man sich zwar nur hinter den getönten Scheiben eines Tourbusses vorstellen kann, den Tourbus nicht dann und wann verlassen? Immerhin ist sein Leben eine Never-Ending-Tour und irgendwo muss die Erfahrung doch herkommen, die weiter alle paar Jahre ein Album füllt.

Vielleicht, weil wir so ein schönes Bild abgeben, kommt das kleine, schwarze Männlein nun auf uns zu. Stefan und Ariane sitzen auf einem riesigen Aufblas-Sofa und kiffen. Die Truppe um Linda verkohlt Brot und Würstchen auf dem Grill. Die Schweizer singen sich einmal quer durch ihr Beatles-Songbook. Und gerade, als sie durch den Paul-McCartney-Part von „A Day In The Life“ gestolpert sind und die letzte Lennon-Strophe anstimmen, bleibt Dylan in fühlbarer Entfernung stehen. Die mit dem meisten Alkohol intus bringen den Song zu Ende. Die anderen starren, so wie ich. Es bleibt einem ja auch fast nichts anderes übrig in Anbetracht der abstrusen Unwahrscheinlichkeit des Ereignisses und des irrsinnigen Legendenstatus des Sängers. Das hatten wir alle nie geprobt.

Der erste, der den Mund aufmacht, ist Stefan, dessen Realität mit unserer im Moment wahrscheinlich wenig gemein hat: „You’d like a beer, sir?“ Doch Dylan hat sich längst etwas anderes ausgeguckt. Er zeigt auf den Chaostisch, genauer: auf eine Flasche mit einer grünen Flüssigkeit. Waldmeister-Likör. Seinen Hang zu grünen Getränken kann man oft auf seinen Konzerten beobachten – immer, wenn er aus durchsichtigen Bechern trinkt. Aus seiner Richtung krächzt es irgendwas mit „taste this?“ und eine der Schweizerinnen, ich glaube Anni, schüttet geistesgegenwärtig einen praktisch blitzsauberen Bierbecher vom letztjährigen Haldern (Wo kommt der denn jetzt her?) voll mit dem Zeug. Der Sänger lässt sich nieder.

Wahrscheinlich aus Langeweile über unsere Fassungslosigkeit nimmt er das Festival-Magazin in die Hand und blättert darin herum. Vielleicht hat kurz den Kopf geneigt, komisch geschnaubt oder mit dem Fuß gescharrt – wie auf ein für uns verborgenes Signal jedenfalls steht plötzlich ein Teil seiner Entourage neben ihm. Und fängt an, das Editorial des Magazins zu übersetzen. Mir ist das unfassbar peinlich. So kreuzreaktionär und nicht zu Ende gedacht war der einleitende Text darin noch nie. Wenn er etwas über die Philosophie und den Spirit des Haldern-Festivals sagt, dann nur über den kleinen, eher unsympathischen Teil. Der Veranstalter wendet sich darin mit schwülstigen Worten gegen den Nahverkehr. Gegen die günstige Möglichkeit, ein Dorf wie Haldern schnell zu verlassen. Weil das die ländliche Gemeinschaft zerstört, das kulturelle Leben im Keim erstickt. Irgendwie so. Ich glaube, Dylan hat unsere Fremdscham gleich bemerkt. „Ich glaube, ich weiß, was er meint“, sagt er. „Aber was wäre ich ohne die Züge, die mich aus der Heimat wegbrachten?“

„What would I be?“ Die Frage hallt lange nach. Alle sitzen jetzt da und starren in der Gegend umher. Dylan wirkt jedem von uns so nah wie ein Mensch dem anderen nur sein kann. Wow, diese Falten! Diese Stimme! Doch gleichzeitig wirkt er abwesend wie auf einem anderen Planeten. Sein Blick ist mit offenen Augen verschlossen. Ich fange langsam an, die Situation zu begreifen. Als Chance – oder eher als Möglichkeit, Fragen zu stellen: Warum tourst du so viel? Warum spielst du auf der Bühne nur noch so selten Gitarre? Das zum Beispiel würde ich vielleicht gerne wissen. Aber erst nachdem ich noch ein wenig seine Nähe genossen habe. Ich lehne mich zurück, atme tief durch, schließe die Augen. Zwei weitere Fragen drängeln sich nach vorn: Wie ist das mit der Liebe? Wie erträgt man den Kummer?

Als ich die Augen öffne, ist Dylan weg. Ein Traum? Was wäre das denn für eine witzlose Pointe?

Nein. Linda erzählt mir später, dass er noch mit ihr ins Zelt ist. „Das war strange“, sagt sie. „Als ob er was geahnt hätte, ist er mir einfach hinterher. Setzte sich auf einen Campingstuhl, schlug die Beine übereinander und blickte mich an. Oder vielmehr: durch mich durch. Er fragte: Was ist los? Einfach nur: What’s the matter? Und ich fing natürlich gleich an zu heulen und erzählte ihm die Geschichte. Dass Patrick mir gestern am Feuer einen Heiratsantrag gemacht hat. Wir sind jetzt verlobt, sagte ich und zeigte ihm meinen Ring. Doch da wirkte er schon wieder meilenweit weg, schaute in der Gegend rum. Er wackelte mit dem Kopf wie so ein Wackeldackel. Und war trotzdem bei mir, das konnte ich spüren. Ich wusste, dass er weiß, dass mich die Verlobung in eine Krise gestürzt hat, dass ich an der Beziehung zweifelte wie nie zuvor. Was absurd ist, weil ich immer dachte, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als die Sicherheit. Als dass dieser Mann, der doch praktisch von Natur aus darauf gepolt ist, rumzubaggern, seine Attraktivität auszutesten, und der das auch mehr als einmal getan hat, sich für mich entscheidet. Für immer – im Prinzip. Das brauchte ich Dylan nicht erst zu erklären. ‚You know what’, sagte er. ‚Es gibt keine Sicherheit. Es gibt Glück und es gibt Unglück. Es gibt gute Bands auf diesem Festival und es gibt Scheiß-Bands. Das weiß ich. Dass es Liebe gibt, glaube ich nur. Weil es den Kummer gibt.’ Ich glaube, er hat ‚that fucking grief’ gesagt. ‚Aber es führt kein Weg an ihm vorbei. Feel it. And I promise you: There will be happy days. Till the end.’“

Dienstag, 10. Januar 2012

Sigmar Gabriel

Da sitzt er nun, regungslos. Auf Standby, kann man sagen. Vor ihm: die Meute. Wobei: Eine Meute kann man die Studierendenschaft von heute ja auch nicht mehr nennen. In meiner romantisierten Vorstellung hätte es an der Ruhr-Universität noch vor wenigen Jahren einen Häufchen Aktive gegeben, die sich als etwas linker als die SPD verstehen und den Besuch des Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel zum Anlass für eine Demonstration genommen hätten. Gegen Sozialabbau. Oder irgendwas mit Studienbedingungen. Aber selbst das ist heute ja wieder schwierig: Die SPD in ein eindeutiges Feindbild einzubetten. Damals, 1998, als Gerhard Schröder sich anschickte, Kanzler zu werden, da sind wir hin zum Parteitag in der Bochumer Ruhrlandhalle. Die Wahlplakate mit ihm und seinem staatsmännischen Grinsen hatten wir von den Laternenmasten gerissen und trugen sie hoch erhoben, aber falschherum hinein, um zu zeigen: Wir möchten ja schon, dass nach 16 Jahren Kohl mal etwas anderes kommt, deshalb tragen wir deine Rübe durch die Gegend. Aber wir sind skeptisch, ob du das wirklich besser machen wirst, Herr Schröder. Beweis das erst mal, dann drehen wir das Ding vielleicht herum.
Auf eine merkwürdige, kaum zu fassende Art, habe ich Gerhard Schröder dann doch gemocht. Die großen Reportagen der glücklichen Redakteure der Süddeutschen Zeitungen verschlungen, die mit ihm auf Staatsreisen gehen durften. Sie reagierten natürlich wie jahrzehnte geschlagene, geschundene Hunde, die man plötzlich wieder streichelt: Verzückt, nahezu überdreht freudvoll berichteten sie vom gemeinsamen Rotweintrinken im Flugzeug, Fußballspielen mit dem mexikanischen Präsidenten, dem kulturaffinen, offenen und freien Wesen der neuen Alpha-Männer.
Und nun, wo Alpha-Männer ein wenig aus der Mode geraten sind, sitzt da also Sigmar Gabriel vor den Studierenden der Ruhr-Universität. Brav warten sie auf den Sitzen, Treppenstufen, unter Tischen, Tafeln, begraben unter Jackenbergen und Kamerastativen. Der Raum ist so voll, dass er einem kubistischen Gemälde gleicht: Irreale Formen, unzusammenhängende Körperteile. Vorne Sigmar Gabriel als nasser Sack, der von einem älteren Typen mit Bart vollgequatscht wird, den die Insiderstudentinnen von unter der Tafel nur "Häkelmützchen" nennen. Weil er eine Häkelmütze trägt. Am Ende seines aus der Ferne unverständlichen Monologs überreicht er dem SPD-Vorsitzenden eine Klarsichthülle mit selbstgemalten Unterlagen. Sigmar Gabriel nimmt sie freundlich entgegen. Hier wundere ich mich das erste Mal: Der Politiker war mir bisher wenig, und wenn, dann eher negativ aufgefallen. In der Phase vor meiner Politikverdrossenheit, also während der Regierung Schröder, geisterte er als gescheiterter niedersächsischer Ministerpräsident durch die Medien, der den großen Gerhard natürlich nicht beerben konnte. Man schob ihm den Posten des "Popbeauftragten" der Bundesregierung zu. Absurd. Fast noch bescheuerter als Dieter Gorny. Damit war er für mich abgehakt. Und nun sitzt er hier nur wenige Zentimeter vor mir und ist nett zu einem Vollfreak mit Häkelmütze. Respektvoll. Bei seinem Vortrag bin ich dann völlig baff: Er ist redegewandt, schnell, witzig, selbstironisch, total reflektiert. Sieht das Ende des Marktradikalismus und Neoliberalismus, weil es so ja nun wirklich nicht weiter geht. Geld darf nicht mehr die Welt regieren. Er sieht das total ein, dass keiner mehr Vertrauen in Politiker hat. Nennt ein Beispiel, wo die eigene Partei Mist gebaut hat: Als sie sich im Wahlkampf deutlich gegen eine Erhöhung der Mehrwertsteuer ausgesprochen hat und sie dann in der großen Koalition mit der CDU prompt um drei Prozent erhöhte. O-Ton Gabriel: "Weil die Forderung der SPD nach null Prozent Erhöhung mit der der CDU nach zwei Prozent Erhöhung in der Summe natürlich drei Prozent ergab." Das gefällt hier allen. Auch seine Einschätzung, dass man als SPD-Mann vor 20 Jahren noch vor Arbeitern sprechen und als einer von ihnen anerkannt wurde. Heute würde man hingegen als Alien, als einer von denen da oben angesehen - weil man ja Politiker sei. Diese fast schonungslose Selbstreflektion und auf eine Art entwaffnende Ehrlichkeit macht etwas mit dem jungen Wissenschaftlernachwuchs: Im großen Hörsaal sind bald alle verliebt in Siggi. Selbst mir fällt es schwer, die journalistische Distanz zu wahren. Der Ringbuchblock ist voll begeisterter Adjektive, die ich jetzt glücklicherweise nicht mehr lesen kann, weil sie so emphatisch dahingeschmiert wurden. Nach der Aufforderung zur Diskussion hätten die Studierenden ihren neuen Lieblingspolitiker am liebsten nur noch wortlos in den Arm genommen. Ein bis vor wenigen Minuten noch neoliberaler Wirtschaftsstudent mit Anzug und Krawatte unternimmt den zögerlichen Versuch einer kritischen Nachfrage. Irgendwas mit Wettbewerbsverzerrung durch Mindestlohn. Doch ihm ist deutlich anzumerken, dass er ideologisch längst umgeschwenkt ist, bloß noch keine Worte für seine sozialdemokratische Gesinnung hat. Bereits der nächste in der Fragerunde spricht aus, was allen auf den Herzen brennt: "Wenn sie Kanzler würden..." Weiter kommt er gar nicht, weil tosender Applaus ausbricht. Ja, Sigmar Gabriel als Kanzler! Etwas schöneres ist kaum vorstellbar! Sogar Häkelmützchen wirkt jetzt ruhig und entspannt. Als er vor versammelter Mannschaft noch einmal das nervöse Wort erhebt, bestärkt der zukünftige Kanzler sein Versprechen, dass er sich um sein Rentenversicherungsproblem persönlich kümmern werde. Niemand hier, der das bezweifelte.

Samstag, 31. Dezember 2011

2011

Wenn ein Jahr zu Ende geht, hat man es gerne rund. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass ein Großteil der aufgeklärten Menschheit den Weltuntergang im nächsten Dezember für wahrscheinlich hält. Wir suchen einen Nenner, auf den wir das ganze Erinnerungsgerümpel aus guten wie aus schlechten Zeiten bringen können. Waren es in 2011 mehr gute als schlechte Zeiten? Frage ich mich selbst. Ich glaube: ja. Und bin dankbar. Vielleicht werde ich deshalb heute mal wieder beten. Das mache ich nämlich auch immer seltener. Beten ist ein bisschen wie meditieren, nur mit mehr Nachdenken, Reflektieren, ehrlich zu mir selber sein (was gar nicht so einfach ist, weil Selbst-Belügen leicht Gewohnheit wird). Manchmal tue ich unwillkürlich etwas ähnliches wie beten, morgens, während des Aufwachens oder direkt danach.

Heute, am 31. Dezember, maß ich dem besondere Bedeutung zu: Das Jahr wird schon bald ein für alle mal zu Ende sein und jeder heutige Gedanke ist ein Resümee. Und was kam mir in den Sinn? Tino Hanekamps "Sowas von da". Ein Roman über die eine, letzte, große Party vor Club-Abriss. Der Ich-Erzähler trägt stets Marc Aurels "Selbstbetrachtungen" mit sich und zitiert bisweilen daraus. Ich glaube, ich habe von beiden viel gelernt: Vom Ich-Erzähler und von Marc Aurel. Beide halten ein Ideal hoch: Wandlung, Veränderung anzunehmen. Der römische Kaiser drückte das vor fast zweitausend Jahren so aus:

"Alles entsteht durch Verwandlung und die Natur liebt nichts so sehr, als das Vorhandene umzumodeln und Neues von ähnlicher Art zu erzeugen. Jedes Einzelwesen ist gewissermaßen der Same eines zukünftigen, und es wäre eine große Beschränktheit, nur das als ein Samenkorn anzusehen, was in die Erde oder in den Mutterschoß geworfen wird."

Da mein Exemplar von "Sowas von da" momentan als Dauerleihgabe im Zimmer meines kleinen Bruders verschimmelt, kann ich nur ungefähr wiedergeben, was der Erzähler aus Passagen wie diesen lernt: Nicht festzuhalten, offenen Herzens sich den Metamorphosen des Lebens hingeben, das Geld aus der Kasse nehmen und irgendwo neu anfangen. Letzters habe ich in 2011 wohl nicht getan. Aber ich war zwischenzeitlich bereit dazu und vielleicht generell bereiter als früher. Bereiter. Das Wort gibt es doch garantiert nicht.

In meinem stillen Gebet fällt mir noch etwas ein: Gerade gestern noch habe ich "Sowas von da" einem Freund empfohlen. Als heilende Lektüre für seine angeschlagene Freundin (2011 übrigens auch: das Jahr der Depressionen). Der Buchhändler erklärte uns, dass er bis vor einer Stunde noch zwei Exemplare des Romans im Bestand gehabt hätte, die dann jedoch plötzlich weggekauft worden seien. Es muss also in der Luft liegen: Die Menschheit braucht dieses Buch zum Jahresende. "Wer hat es gekauft", fragt ich ihn, "Leute in unserem Alter?"
- "Naja, ich würde sagen, so Mitte Ende zwanzig"
- "Mitte Ende zwanzig", denke ich, "also ganz schön unverschämt, dass er nicht mit Ja geantwortet hat."

Aber vielleicht muss ich mich mit dieser Alters-Sache auch mal abfinden und endlich einen vollends abgerundeten und erwachsenen Charakter entwickeln. Mich beruhig, dass auch Marc Aurel das scheinbar nie geschafft hat. Tadelnd spricht er zu sich selbst:

"Noch immer bist du nicht ohne Falsch, nicht ohne Leidenschaft, nicht frei von dem Vorurteil, dass Äußeres dem Menschen schaden könne, nicht sanftmütig gegen jedermann und noch immer nicht überzeugt, dass Gerechtigkeit die einzig wahre Klugheit ist."

Amen.

Sonntag, 14. August 2011

Haldern 2011: Kleine Kompromisse


Umso größer die Gruppe, mit der man verreist, desto mehr Zeit verbringt man mit Warten. Deshalb sollte sie eigentlich möglichst klein sein, die Haldern-Peer-Group 2011. Ich hatte much stuff to think about going round in my head und wollte keine Kompromisse eingehen. Bands gucken und nachdenken. Zwischendurch mal ein Mineralwasser und zwei Tic Tac, vielleicht irgendwo ein Grillwürstchen abstauben als Exzess. Wir waren vier: Tom, mein melancholischer Jugendfreund mit Hang zum Einsiedlertum. Thomas mit den treuen Hundeaugen und Hang zur Melancholie. Und Agathe, das Goldstück, früher jede Party mitgenommen, heute ruhiger und irgendwie auch – melancholischer. Doch dann kam ja doch noch das Pärchen aus dem Pott dazu, früher dem leichten Leben zugewandt, heute ein Kind erwartend. Da liegt die Frau morgens schon mal mit Sodbrennen im Auto, weil der nervöse Embryo die ganze Magensäure aufscheucht, während sich der Mann draußen am Frühstücksbier festhält. Mehr kann er nicht tun. Ihr den Schmerz ja nicht wegnehmen. Und Gesellschaft, die kann sie gerade einfach nicht haben. Ich kann es ihr nachfühlen.

Dann die beiden „Schwuppen“, wie Sunny zu sagen pflegt, oder: die beiden „schwulen Mobys“: herzensgute, höfliche und liebenswerte Menschen, zelten auch bei uns. Zum ersten Mal auf dem Haldern, wissen sie noch nicht genau, wie das geht – Festival. Die Beiden sind immer in Aufbruchstimmung, Entdeckerlaune. Typischer Satz: „Wir gehen mal das Dorf erkunden!“ Das Dorf Haldern, das wir in mittlerweile acht bis neun Jahren Festivaltradition nicht einmal zu Gesicht bekamen. Immerhin haben die beiden auf die Art das Konzert des Norwegers Moddi in der Dorfkirche erleben dürfen: Mit Akkorden, Klavier, Cello und ein bisschen Percussion. Total schöne Songs. Melancholisch. Passte super in den Kirchenraum! Kann man sich vielleicht mal ein Album anhören.

Und gleich nebenan campiert dann ja doch auch noch die alt bekannte Oasis-Truppe. Ihr legendäres Internetforum, auf dem harte Diskussionen über die Zusammenstellung von Japan-Sinlges der Band geführt wurden und viele internationale Freundschaften geknüpft, löst sich zwar langsam auf. Typischer Satz: „In Zeiten von Facebook braucht niemand mehr ein Forum.“ Immer mit diesem melancholisch geäußerten Zusatz: „Leider.“ Aber immerhin ist die Truppe wieder am Start. Mit einer Palette Amstel pro Person, gekauft beim Holland-Trip, an den der Festivalbesuch nahtlos anschließt. Mit Freunden aus Österreich, die die Gitarre mitgebracht haben und um Mittag rum schon zum fünften Mal „Slide Away“ spielen. „Ein schöner Song“, erklärt ein Oasis-Forums-Urgestein. Gibt aber zu bedenken: „Fünf Mal am Tag brauch ich den nicht mehr.“ Glücklichweise kommt ein dicker, betrunkener Mann des Weges, bekleidet nur mit einer tief hängenden Unterhose. „Gib mal her das Ding“, sagt er, bestimmt auf die Gitarre zeigend. Widerspruchslos wird ihm das Instrument übergeben und er spielt einen deutschsprachigen Song, den keiner kennt (selbst geschrieben?).

Ich wende mich ab. Eigentlich wollte ich mich doch um meine eigenen, drängenden Probleme kümmern. Doch dann fällt mir dieser Gedanke wieder ein, der mir einmal beim Lesen eines kurzen Textes von Wolfgang Hildesheimer kam: Dass man immer ein gewisses Problemlevel braucht, um – nun ja – glücklich zu sein. Oder zumindest, das Leben auf einem erträglichen Maß fahren zu können. Ja, ich habe ein Problem, aber es spielt sich nicht dauernd in den Vordergrund. Es schwingt immer mit wie Grundakkord auf dem Harmonium in der indischen Musik. Es zeichnet einen wehmütigen Schmerz in mein Gesicht, den die Peer Group gern als typische Max-Melancholie missdeutet. Doch wie gut lässt er sich hier übertönen: Mit dem leichten Nachmittags-Kater des Ankunftstages, ausgelöst durch Sekt mit Aperol, Mildem Multivitaminsaft mit Grasovka, Fiege Gründer Hell und Gegrilltem. Mit der feucht-warmen Luft, die über die frisch gemähten Wiesen zieht. Mit dem Geklimper der Zeltstangen beim Aufbau, dem schweren Atem der betagten VW-Busse, den plärrenden Ghettoblastern oder MP3-Player-Stationen, dem Geruch von längst vergessenen, halb geleerten Ravioli-Dosen.

Und dann zerbricht auch noch meine Brille: Ich bin endgültig umfangen, umgarnt von dir, Haldern. Wandere durch die schemenhafte Welt, den Nieselregen, ekle mich vor den Dixieklos und warte, warte auf die anderen. Und bin glücklich, sort of.

Es hilft ja nichts, noch mal die Bands zu boykottieren. Vergangenes Jahr hat das zu einem Overload an Campingplatz-Atmosphäre geführt. Klar ärgern wir uns am ersten Festivaltag eine Runde über das fucking Spiegelzelt. Ich schreibe es immer gerne noch einmal auf: Nur etwa zehn Prozent der Festivalbesucher passen dort hinein, am ersten Tag stellt es jedoch die einzige Bühne dar. So bilden sich absurd lange Schlangen aus verzweifelten Menschen, die aus purer Not auf die aufgestellte Leinwand starren, auf die die Konzerte von drinnen übertragen werden: Bildqualität top, Sound flop. Die Musik ist entweder zu leise, oder falsch ausgesteuert oder knarzt und knackt und fällt aus. Als ob der berühmte Festival-Organisator durch die Reihen laufen würde und jedem Besucher ins Gesicht spucken: „Herzlich willkommen!“

Als alle schon schlafen überrede ich Tom, noch einmal aufzustehen. Wir wollen uns das Brandt Brauer Frick Ensemble anschauen. Ein Freund aus der Heimat hat es empfohlen: „Super Musiker! Super Musiker!“ Brandt Brauer Frick machen Techno mit Instrumenten. Das ist zwar nicht neu. Aber was ist heute noch neu? Wenigstens ist keine Schlange mehr vorm Spiegelzelt. Die schlafen ja alle schon. Oder dancen vor einer kleinen Bühne im vorgelagerten Biergarten. Oder versuchen, zu dancen, sich zu verhalten wie ein Clubpublikum. Merkt man aber, dass wir hier nicht zum Beispiel auf dem Melt sind. Die von Dorfjugend durchmischten Besucher sind unsicher, wie man sich bei der House-Party von Coma zu verhalten hat: Einige heben die Hände und jubeln, einige hüpfen auf und ab… ganz okay soweit. Einige spielen aber auch Luftgitarre oder bangen. Viele stehen mit einem Bier am Rand und werden über beide Ohren rot, weil sie vor Schreck über den Break ihre Zigarette haben fallen lassen. Beim Brandt Brauer Frick Ensemble kann man getrost einfach bewegungslos zuhören, wie ganz normal beim Singer/Songerwriter-Konzert. Die Herren spielen minimalen und slowen Techno, immer wie auf einen total krassen Höhepunkt zu, der aber nie kommt. Stattdessen ist der Song zu Ende. Das ganze Konzert auf die Art quasi eine fortwährende Enttäuschung. Die über den Tellerrand schauende Indie-Crowd klatscht trotzdem höflich. Als es dann auch noch ein Feedback gibt, ist jedoch echt mal genug. Massenflucht, man verdrückt sich.

Tschüss Techno, hallo Indie-Pop. Klar: Wild Beast mögen sie hier. Brit Pop mit leicht darkem Ambient-Wave-Einschlag, tolle Stimme über sphärischem Gitarrenklängen und feinen Elektro-Beats. Zum melancholisch auf den Boden starren und wankelmütig hin und her bewegen. Klar: Gisbert zu Knyphausen mögen sie hier auch. Spielt ein ansprechendes Kurzprogramm, der melancholische junge Mann vom badischen Weingut. Textzeilen wie „Diese Tage sind so fern von allem: Hitze und Beton. Die große Stadt, sie liegt da wie ein verwundeter Vogel. So auch ich, so auch ich. Ich denke und denke. Wie immer viel zu viel“, treffen direkt ins Herz. Gemeinsam mit allen weine ein bisschen nach innen. Und bereite mich auf den heimlichen Höhepunkt vor: Den Auftritt von Wir sind Helden.

Wir sind Helden sind ja so eine Band, die ich mag.
„Ach quatsch, Max, die magst du nicht“, klärt mich Marina auf.
„Wieso denn nicht?“
„Na, weil die einfach nicht gut sind. Irgendwie – zu seicht. So: langweilig. ‚Denkmal’… was für ein fürchterlicher Song!“
Wo ich hinkommen, dasselbe Lied: Wir sind Helden sind abzulehnen. Ich ernte verachtende Blicke, wenn ich nur den Bandnamen ausspreche. Die Leuten scheinen irgendwie beleidigt zu sein. Weil die Gruppe diesen Mega-Erfolg hatte? Weil Everybodys Darlings Zugehörigen der Haldern-Indie-Minorität einfach nicht aus dem Herzen sprechen KÖNNEN? Weil Judith Holofernes gern dieses halbgare Gesellschafts- und Konsumkritik-Geschwafel von sich gibt? Letztere könnte ich ja noch ansatzweise verstehen. Aber mein Gott: Gisbert hat über treffende Gefühlsbeschreibungen hinaus ja auch nicht viel zu sagen. Und die Wombats bestimmt auch nicht. Das Oasis-Forum jedenfalls will während des Wir-sind-Helden-Auftritts geschlossen am Grill sitzen bleiben und sich gegenseitig die Ohren zuhalten. Weil der Wind ja einen Fetzen von „Denkmal“ herüber wehen könnte. Ob überhaupt jemand kommen wird?

Das Festivalgelände ist voll wie noch nie. „Na also“, sagt Thomas, „da hat die Indie-Gemeinde ihre Helden ja doch lieb.“ Ganz ohne Ironie feiern sie die Band und sehen gut dabei aus. Und man muss das auch mal so ganz unironisch feststellen: Echt gute Musik.  Total eingängig, klar, aber nicht seicht. Schon informiert über die popmusikalischen Entwicklungen der vergangenen 40 Jahre. Übersetzt in einen Sound von heute wie ihn weder Juli hinbekommen haben, noch Silbermond, noch Casper, noch Ich & Ich. Und schon gar nicht (hier den Name von beliebigen deutschsprachigen Radio-Lieblingen einfügen). Als sie „Wenn es passiert“ spielen, bin ich wie paralysiert, hypnotisiert. Hier spricht mir jemand ungewohnt deutlich aus der Seele, mit einer ungeahnte Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit. Mit tollen, drängenden Gitarren, organischer Orgel, fluffigem Bass und einem irrsinig sexy Schlagzeug. Ich blicke mich um, suche die Blicke der anderen Zuschauer: „Hört ihr das?“, fragt mein Blick. „Das bin ich!“ Möchte ich sagen. Möchte ich denken. Hammer-Egozentrisch, klar. Und vielleicht auch gar nicht wahr. Ich will das jetzt, dass diese umstrittenen Helden, die sich vielleicht auflösen oder zumindest zeitweise, mich so tief berühren. Ich nehme mir vor: Den Text noch einmal nachschlagen. Hier ist er:

„Ein Herzschlag nur für mich
Und die, die bei mir sind
Augen auf, schaut euch das an
Wer dafür keine Tränen hat wird morgen blind
Wenn ihr das nicht liebt, was dann
Jeder liebe das so viel er kann

Ein Blitzschlag nur für mich
Und die, die bei mir sind
Wer jetzt zweifelt sieht nicht klar
Ganz egal wie viel davon die Zeit sich nimmt
Wer jetzt blinzelt war nicht da

Vielleicht ist es wirklich nur ein Jahr
Aber ich will niemals fragen wo ich war
Wo war ich als das wahr war?

Ich will da sein
Wenn die Zeit gefriert
Ich will da sein
Wenn sie explodiert
Und wenn sich dabei
Mein Verstand verliert
Ich will da sein
Wenn es passiert

Ein Herz, ein Schlag, ein Blitz
Für die, die einsam sind
Augen auf schaut euch das an
Wollt ihr wirklich zählen wie die Zeit verrinnt
Wenn die Welt auch so was kann

Vielleicht ist es wirklich nur ein Jahr
Aber ich will niemals fragen wo ich war
Wo war ich als das wahr war?

Ich will da sein
Wenn die Zeit gefriert
Ich will da sein
Wenn sie explodiert
Und wenn sich dabei
Mein Verstand verliert
Ich will da sein
Wenn es passiert
Wenn es passiert
Wenn es passiert
Wenn es passiert."

Viele Versatzstücke tragen letztendlich dazu bei. Auch der junge James Blake, wahrscheinlich wirklich ein Genie, der mit seiner unfassbar tollen Stimme diese Feststellung durch die Loop-Geräte schickt: „There’s a limit to your love.“ Oder die betörenden Fleet Foxes, die ihr grandioses Konzert mit dieser zarten Hoffnung beenden: „Some day I'll be like the man on the screen.“ Oder natürlich John Grant, der trotz schlecht aufgelegtem Tim Isfort Orchesters ausgedehnte Schauer über den Rücken schickt: „Bittersweet strawberry marshmallow butterscotch / Polarbear cashew dixieland phosphate chocolate / My tutti frutti special raspberry, leave it to me / Three grace scotch lassie cherry smash lemon free.“ Endlich habe ich verstanden. Hey, wo bleibt ihr? Ich warte! Mal wieder!

 

Dienstag, 26. Juli 2011

Bochum Total 2011: Das Fest der reinen Liebe

Der Legende nach ist Bochum Total ein Musikfestival. Das größte Europas gar. Millionen, so die Überlieferung aus Vor-Duisburg-Zeiten, schoben sich einst durch die Straßen der grünen Ruhrgebietsinsel (Bochum), um Bands zu sehen. Angesagte! Als ich erfuhr, dass die Redaktion mich nicht schreiben lassen wollte, reagierte ich verständlicherweise mit Enttäuschung, Trauer und Wut. Wälzte mich auf dem borstigen Teppichboden, schrie und jammerte und stampfte schließlich sogar mit dem Fuß auf. Es half nichts. Meine Karte für den Pressebereich bekam ich von der Konkurrenz ausgehändigt. Danke nochmal, Konkurrenz. Eine absolut folgerichtige Entscheidung musste gefällt werden: Ich würde die Konzerte meiden und mich auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Auf den persönlichen Spaß, der an die Stelle der großen Leere treten sollte, die mich stets aushöhlt. Da gerät der Magen schnell aus dem Takt. Ich kaufte mir also Milden Multivitaminsaft, nicht nur wegen der Alliteration, und Wodka Grasovka. Diese Mischung, etwa Hälfte Hälfte, und das darf man ruhig als Tipp verstehen, ist der sanfteste Weg zur Betrunkenheit, den ich kenne. Mit ihm im Gepäck - natürlich in der Plastikflasche! - sind die Bühnenlichter, der Nebel und die grunzenden Bässe aus der Ferne keine Bedrohung mehr. Und jetzt ist auf einmal Präsens. Ich bleibe sogar kurz bei Rage Against The Machine stehen, die die Pottmob-Bühne rocken. Um mich herum 60- bis 70-Jährige, die verständig mit dem Kopf nicken. Dem Programmheft entnehme ich jedoch, dass Pottmob ein Internetportal für junge Menschen von 14-22 ist. Hier habe ich nichts mehr zu suchen, verdrücke mich ins nahe Edelrestaurant Livingroom. Auch dort werde ich mit dem Alkohol in der Plastikflasche problemlos eingelassen.

Livingroom egal, interessanter: Schnick-Schnack-Schnuck-WM. Wie jeden Bochum-Total-Samstag findet sie vor der Kneipen-Legende (allein hier vergangenes Jahr eine halbe Million Gäste) Intershop statt. Vorher muss die Fee gefunden werden. Die Fee ist der Dreh- und Angelpunkt einer jeden Schnick-Schnack-Schnuck-WM: Sie ist adorable, steht vorzugsweise auf einem Mülleimer und verliest die Wettkampfs-Paarungen. Der erfahrene Veranstalter ist erst wenig begeistert, als sich ein junger Wildfang bewirbt. "Eventuell ist sie nicht asozial genug", gibt er mit melancholischem Blick zu Bedenken, "eine Fee muss immer auch ein wenig asozial sein..." Am Samstagabend jedoch ruft die Neufee, die die Mülltonne gegen einen Barhocker getauscht hat, vornehmen Respekt bei den Teilnehmern hervor. Sie hat sich rosa Blumen ins ebenhölzerne Haar gesteckt, trägt ein blütenweißes Kleid, Cowboy-Stiefel aus Büffelleder und einen blutroten Campari-O im Kaffeebecher. "Fee, Fee!", ruft die Schar zwar, wenn sie die Namen aus der Losbox greift. Auf "Ausziehen, Ausziehen"-Rufe wird jedoch dezent verzichtet. Besonders spannend das Halbfinale: Weibliche Nachwuchshoffnung gegen Vorjahresfinalisten. Dreimal zeigen beide Papier. Unfassbar! Eine Auszeit wird beantragt. Der pädagogisch geschulte Schiedsrichter nimmt die Gegner zur Seite, spricht eindringliche Worte: "Ihr müsst jetzt auch mal was anderes nehmen!" Das Publikum kennt die Lösung: "Scheeere", ruft es der Dame zu, "damit schlägst du das Papier!" Die Gedankengänge der Halbfinalisten sind praktisch greifbar: "Wird sie auf das Publikum hören?" "Wird er es wieder mit dem Papier versuchen. Oder den Stein? Oder gar den fürchterbaren Brunnen auffahren?" Sie entscheidet sich für Schere. Er wieder für Papier. Irre! 0:1! Das Publikum ist komplett aus dem Häuschen, wildfremde Menschen liegen sich weinend in den Armen. In der Folge verliert sie binnen Sekunden 3:1. Ich selbst verfolge das Geschehen nicht, draußen sind es unter 20 Grad und es fiselt. Sitze im Intershop und hänge trübsinnigen Gedanken nach. Frei nach Blumfeld: "Wo komm' all die graaaauen Wolken her?"

Dinge, die ich bei Bochum Total verpasst habe:
- Das spannende Halbfinale der Schnick-Schnack-Schnuck-WM
- Bands
- Die legendären Kopfhörerpartys im Zacher und ihre liebenswerten Helferchen
- Zwei Steaks in eins Brötchen
- Alte Schulfreunde treffen
- Einen Hut kaufen
- Eine alte Vorliebe einzutauschen gegen etwas Neues
- Den Rapper Casper falsch schreiben

Nicht verpasst habe ich die formidable Samstagsparty in der liebenswerten Hafen-, Fußball, Rock-, Poetry-Slam-, Greenpeace- und Piratenkneipe Freibeuter. Dass dieser Abend zur Legende wird, erzählt jeder kondensierte Schweißtropfen, der von der Decke tropft. Ein lieber Freund spricht mich vorsichtig an:
"Komm, lass uns abhauen - in' Shop!"
"Nee, ist doch super hier!"
"Ach komm, wir gehen noch in den Intershop!"
"Nee, guck doch mal: Die tanzen da jetzt alle!"
"Ja, aber im Intershop geht's jetzt richtig ab!"
"Lass mal hier bleiben!"
"Ich geh in' Intershop!"
"Lieber hierbleiben."
"Intershop."
"Hier."

Was an diesem Abend im Intershop wirklich geschah, dazu am besten frei erfundene Zitate des Personals: "Samstagnacht, Bochum Total 2011: ein kosmisches Ausnahmeereignis! Das Kellnerteam ja sowieso, aber auch die Gäste: Bezaubernd, liebenswert. So eine gute Stimmung! Alle höflich, gepflegt ausgerastet, eine Atmosphäre der reinen Liebe. Reine Liebe, das mein ich echt so! Und die Musik des DJs - besser geht das einfach nicht. Geht. Das. Einfach. Nicht." Und ich war mit dabei. Ich habe die besten meiner Generation - und der nachfolgendenden - seelig lächeln, bezaubernd tanzen und herzzerreißend mitgrölen sehen. Ich habe Kellner kopfüber von der Theke springen hören. Wie um aufzuwachen aus einem Wachtraum. Bochum, ich komm aus dir, Bochum ich häng an dir. HALLO?!

Samstag, 4. Juni 2011

Sommer in Oberdahlhausen

In meiner oberbergischen Heimat hätte es bei diesem Wetter nur zwei Alternativen gegeben. Entweder ins Freibad, wo die Assis um den fetten Behnke hinterm Eingang lauern: "Na, sieh mal an, da will wohl einer auf die Fresse!" Oder mit dem Rad den steilen Berg rauf und wieder runter zur Talsperre. Da am steinigen Hang ein Handtuch ausbreiten, Handballer Markus erzählen lassen, was er wieder krasses geklaut hat (mindestens einen Fahrrad-Lenker oder Motorrad-Helm - und die Verkäufer wieder nix gecheckt). Oder im Schlauchboot übers Wasser mit Henning aus dem christlichen Elternhaus (zum Abendbrot nach Hause, sonst Ärger mit Depri-Mutti). Hier im Ruhrgebiet sind mir die Freunde abhanden gekommen, mit denen es zum Wasser ging. Ich streife also durch die Straßen, über den kochenden Asphalt. Durchs In-Viertel Ehrenfeld. Vor der Butterbrot-Stube heult ein Kind und kloppt immer wieder seine Flasche auf den klapprigen Tisch. Ein unerträglicher Lärm. Drinnen dafür Ruhe und lecker Butterbrot mit Tête de moine. In der chrom Galerie machen sie Sale. Ich liebäugle mit einer Winterjacke und alle bestärken mich. Auch mein Vater am Telefon: "Antizyklisch denken ist beim Klamottenkauf stets klug." Und Tobas: "Du freust dich dann fünf Monate lang wie verrückt darauf, dass es wieder kalt wird." Alles klar, das Ding ist gekauft. Die Verkäuferin: Willste lieber ne Tüte, damit keiner Sprüche klopft - ne Winterjacke bei den Temperaturen?. Ne, hab ja mein Auto direkt vor der Goldkante geparkt. In der Goldkante eine Theater-Performance. Acht Stunden lang der totale Hirnriss. Kann sein, dass ich das jetzt nur so empfinde und gerade auch ein bisschen ignorant bin, weil bei dieser Hitze ja nur geringe Teile der Hirnfunktionen richtig arbeiten. Aber die bewegen sich da so gespreizt und maniriert durch den Laden in wallenden Tüchern und mit weiß geschminkten Gliedmaßen. Sieht aus wie eine Tanztheaterparodie von Harald Schmidt und Herbert Feuerstein. (Das waren noch Zeiten!) Draußen bereitet jemand Salat zu. Rohkost! EHEC! Ich rücke ein Stück zur Seite. Keine Ahnung, was das soll. Passt aber ins Bild des diesjährigen MegaFon-Festivals der Bochumer Theaterwissenschaftler. Bochum ist wohl doch weit von Gießen, zumindest in diesem Jahrgang. In der Rotunde haben die Studenten "Installationen" eröffnet: Eine ist mit der analogen Spiegelreflex los und hat ohne Sinn und Verstand in den nächtlichen Ruhrgebietshimmel geknipst. "Eindrücke von Weite im urbanen Raum". Quatsch-Konzept, schlecht umgesetzt. Daneben ein Raum vollgestellt mit Zeug, in der Mitte ein Kassettenrekorder (Analoge Spiegelreflex, Kassettenrekorder - Sehnsucht nach dem vordigitalen Zeitalter?), der angeblich Stimmen von Menschen abspielen soll, die noch nie im Ruhrgebiet waren, aber darüber sprechen. Was man hört, ist bloß ein unangenehmes Rauschen und Zischen. Da lob ich mir doch den USB-Stick! Gute Marketing-Idee, fällt mir ein, für die städtische Müllabfuhr Bochumer Umweltservice (USB): USB-Sticks für die Sacksammler (So nennen sie intern die Leute, die ihr Plastik nicht in die Gelbe Tonne, sondern in den Gelben Sack stecken). Ein weiterer MegaFon-Unfug findet in einem Fitnessstudio statt: Zwei Studentinnen bewegen sich zum Thema Zeit. Irgendwie ungelenk rennen sie und tanzen, hecheln, schnaufen. Wecker klingeln. Alle Assoziationen, die aufscheinen, sind sofort wieder vergessen, weil das irgendwie so egal ist. Ich sehne mich nach dem Sommer in Oberdahlhausen. Da tanzen keine Studentinnen, da brüllt auch nicht der Arbeitslose im Hinterhof die Hunde an. Da zwitschert höchstens mal ein Vogel. Eigentlich bin ich ganz froh, dass da jetzt mein Auto gleich vor der Tür steht, obwohl ich ganz in der Nähe wohne. Ständig muss ich mich rechtfertigen: Mein Fahrrad ist kaputt, Mann! Aber das Auto - hach. Ist doch schön: Da dreht man die Fenster runter, surft mit dem Arm durch den erfrischenden Luftzug und hört laut Musik. Zum Beispiel Tom Waits "Ol' 55". Entschleunigung. Und es ist ja auch so einfach, hier in Deutschland zu fahren. Auf der rechten Seite der Straße. Nicht wie zur Pressekonferenz mit Ringo Starr in Cranleigh, Surrey. Dort das Steuer rechts und links unterwegs und mehrfach fast einen Unfall gebaut. Aber das ist eine andere Geschichte.