Die Welt ist beige, lila und rosa. Die Bildschirme an den Plätzen blitzen, die Zähne der Stewardessen auch. Sie tragen Frisuren wie aus Ebenholz geschnitzt. Mit Thai Airways zu fliegen ist wie Disneyland besuchen – eine durchaus angenehme Erfahrung, aber hey, das hier ist doch nicht die richtige Welt? Diesen Gedanken habe ich oft, wenn ich auf Pressereise bin. Man lebt fremdgesteuert, wie in einer Blase. Das Programm ist vorgegeben und oft so expensive, dass ein Mensch in meiner beruflichen Situation gar nicht auf den Gedanken kommen würde, es zu buchen. In Bangkok hämmernde Kopfschmerzen, ausgetrocknete Atemwege und wieder dieser Schwur: Nie wieder ein Langstreckenflug. Bernd ist der einzige Raucher in unserer Gruppe und winkt mich raus zu sich, vor eine der Drehtüren des riesigen Flughafenmonsters: „Guck mal“, sagt er und zeigt in die Luft. Er will mir die schwüle Hitze zeigen. Etwas, das so schwer wiegt, muss doch sichtbar sein. Nach den Florida-Keys im vergangenen Jahr bin ich das zweite Mal in meinem Leben extrem dankbar für die Erfindung der Klimaanlage und schaue im Van, der uns zum Hotel bringt verliebt die Lüftung an. Unser Reiseführer stellt sich als „Top“ vor. Sein richtiger Name sei so unaussprechlich, dass er ihn uns erst gar nicht verraten will. Er hat die Touristenperspektive völlig antizipiert – und Thailändisch scheint neben Finnisch eine der unlernbaren Sprachen zu sein. Man versucht es am besten gar nicht erst. Nach mehrmaliger Bitte bringt uns Top widerwillig bei, wie man „Guten Tag“ sagt. Frauen müssten es anders sagen als Männer. Ich finde interessant, dass eine Sprachgemeinschaft die Geschlechterunterschiede derart zementiert. Auf der Bootsfahrt erzählt Bernd, dass es nirgendwo so viele Ladyboys gebe wie in Thailand. Wie sagen sie wohl Guten Tag? Auf einem Niederflurholzboot schippern wir durch die Kongs, die Kanäle, die noch vor (relativ) kurzer Zeit die einzigen Verkehrswege der Stadt waren. Mit den Autos, die der damalige König vor ca. 100 Jahren importierte, ist ein Moloch gewachsen. Eine Stadt über mehrere Etagen. Wie in einem Urwald mit seinen vielen Vegetationsschichten, schichten sich hier Straßen, portable Shops, Kabelsalate, Gebäude, Hochstraßen, die Skytrain, Hochhäuser. Statt des dichten grünen Dachs hat Bangkok ein graues – aus Sichtbeton. Im Boot muss ich an Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ denken. Von den Flussufern blickt mir allerdings nicht dunkle, tiefschwarze, undurchdringbare, menschenfeindliche Leere entgegen, das Fehlen jeglicher Zivilisation. Es sind im Gegenteil ihre chaotischen Auswüchse – das vom Menschen Gemachte, was ihm selbst wieder feindlich entgegenschlägt. Kabel, Kabel, Kabel, „95 Prozent liegen hier oberirdisch“, sagt Top, Buden aus Fundstücken: verschiedenfarbigen, morschen Brettern, Blechplatten und vielen Werbeschildern. Ihre Versprechen wirken an den zerfallenden Häusern der Armen Flussanwohner besonders lächerlich. Diamon („Diamon is a girls best friend“) ist unser Kong-Guru, also der Bootsführer. Er navigiert uns mit einer Eisenstange, an der ein nackter Motor befestigt ist. Ein röchelndes, stinkendes, rauchendes, öliges Ungetüm, aber irgendwie dient es ihm. Zwischen den ärmlichen Behausungen erscheinen leer gezogene Baugrundstücke: „Ein Haus, drei Millionen Baht“, sagt Diamon. Er stellt das einfach so in den Raum. So wie er mit Blick auf Chinatown sagt: „Chinese are everywhere.“ Vielleicht spricht da die Angst, die ich in Estland kennen gelernt habe, wenn es um die Russen ging. Oder die die Schweizer gegen die Grenzöffnung stimmen lässt. Die Angst vor dem übergroßen Nachbarn, der stets drohenden Invasion. Eigentlich wirkt Diamon aber gar nicht ängstlich, sondern eher ungewöhnlich zutraulich. Einmal bohrt er aus heiterem Himmel dem dicken Harald seinen Finger in den Bauch: „Too much beer, like me.“ Als ich später im Einkaufszentrum ein zu kleines T-Shirt anprobiere und nicht wieder herauskomme, hat der Verkäufer deutlich größere Scheu und berührt mich so kurz wie möglich um Hilfe zu leisten. Er ist peinlich berührt, aber lächelt dabei. Es ist wohl eins der vierzehn Lächeln, die es im Land des Lächelns gibt. Eins bedeutet auch „Nein“. Ein anderes sicher auch „Verpiss dich, du Arschloch.“ Aber ich schweife ab. Ich wollte noch etwas von der Bootstour über die Kongs erzählen: Unvermittelt halten wie an einem der improvisierten Shops und Diamon kauft vier Weißbrote. Niemand von uns hat Hunger. „It’s fort he catfish“, sagt er der Kong-Guru und wirft exemplarisch ein komplettes Brot in den Fluss. Zu Tüten, Dosen und dem sonstigen Müll, der hier herumschwimmt. Sofort fängt das Wasser an zu brodeln, riesige Mäuler reißen große Stücke heraus und schnellen damit in die Tiefe. Die Fische zu füttern ist Teil der Almosenkultur. Die Mönche aus den gefühlten 20 buddhistischen Klostern, die wir besichtigen (95 Prozent der Bevölkerung sind Buddhisten), gehen morgens früh mit Schalen in die Nachbarschaft. „Meist haben sie nach 500 Metern schon mehr bekommen, als sie brauchen“, erklärt Top. Also füttern sie die Straßenhunde und –Katzen, die in den Klöstern leben wie im Tierheim ohne Zwinger. Eine Katze liegt entspannt zwischen den Schuhen, die die Besucher am Eingang ausziehen müssen. Ein Novize kommt und trägt sie weg. Ich schaue ihm nach bis zu einer Art Altarraum, an dem er scharf einbiegt und mein Blickfeld verlässt. Der Raum ist glänzt golden, grün, rot und gelb und blau. Golden sind die Buddha-Statuen verschiedener Größen, grün eine Pagode, die in ein Gewölbe reicht, das mit Sonne, Himmel und Sternen bemalt ist. Ich kann nicht glauben, dass dieser Kitsch eine Gestalt des Heiligen oder Göttlichen ist. Erleuchtung erschien mir selten weiter entfernt. Die jungen Klosterbesucher, sie haben gerade Schulferien, verneigen sich abwechselnd vor Buddha und neigen sich über ihre Smartphones. Welche Verbindung ist stärker? Die zur religiösen Tradition der Heimat, zu den modernen Kommunikationsmitteln – oder der westlichen Popkultur-Hegemonie. Kein Restaurant oder Einkaufszentrum, wo nicht R’n’B aus den Lautsprechern schallt. Man trägt Jeans, T-Shirt und Flip Flops, wie überall in der mir bekannten Welt, wenn es denn warm genug ist. Die Menschen lächeln in Werbevideos für die Fluggesellschaft oder Werbetafeln für günstiges Internet, in den Shops auf der Straße. Frauen winken aus den ärmlichen Hütten am Flussrand. Ich kann hier keine schöne Frau sehen ohne mitzudenken, was ein Großteil der Touristen in ihnen sieht: ein Objekt der sexuellen Begierde – oder -Gier. Die Kinder-Prostitution werde mittlerweile so hart verfolgt, dass sie fast komplett nach Kambodscha abgewandert sei, teilt jemand beim Abendessen mit. Ich frage mich, ob das eine Erfolgsmeldung sein soll. Schönheit ist in diesem Land selten rein oder unschuldig. Zumindest kann ich sie nicht so wahrnehmen. Zwei Weisheiten noch:
1. „In Bangkok gibt es keinen Durchschnitt“, sagt Top auf unsere Frage, wie viel zum Beispiel ein Kellner im Restaurant durchschnittlich verdiene. Alles sei hier eng beieinander: Großer Reichtum, große Armut, die Facetten dazwischen. Diese innergesellschaftlichen Beziehungen äußern sich im uneinheitlichen Stadtbild. Schicke Glastürme wachsen aus schiefen Bretterbuden und grüßen ihre Geschwister, die ungemütlicher als sozialistische Plattenbauten wirken.
2. „In Bangkok ist man entweder nass vom Schwitzen oder vom Regen“, erklärt Top während er kalte Handtücher aus der Kühltasche verteilt. Ich gehe dann mal duschen.
Ja, Bochum ist das Paradies auf Erden.
Solange wir nicht nach London, Paris oder Tokyo ziehen, bleiben wir dabei.
Montag, 5. Mai 2014
Donnerstag, 9. Januar 2014
Der Wikinger und das Christentum
Es gibt Stimmen, die behaupten, dass er rausgeworfen wurde,
aber wir glauben lieber diese ehrenvollere Version der Geschichte: Irgendwann
wurde es Erik dem Roten in Island einfach zu voll. Er überredete ein paar
andere Wikinger dazu, sich in Grönland nieder zu lassen. Hier ist es, und das
gilt auch heute noch, definitiv nicht zu voll. In Narsaq, wo er sich damals
Hütten baute, wohnen heute rund 50 Menschen auf praktisch unbegrenztem Platz.
Man stellt sich Wikinger gewaltig groß, stark und mächtig vor.
Furchteinflößend. Gewohnt haben sie allerdings in niedrigen, von Moos und Gras
bedeckten Hobbithütten und man wundert sich, warum Peter Jackson nicht hier den
Herrn der Ringe gedreht hat. Er hätte nichts verändern müssen. Um in eine Hütte
zu gelangen, kriecht man einen langen, etwa einen Meter hohen Gang entlang,
aber wer weiß, vielleicht konnten die Wikinger ihn damals aufrecht entlang
schreiten. Man hat uns keine Skelette zur Überprüfung der Körpergröße zur Verfügung
gestellt. Nach einer langen Reise kam eines Tages Leif Erikson, der Sohn Eriks
des Roten, mit dem Schiff heim ins Hobbitland und war Christ geworden. Der
dänische König hatte ihn eingeladen, ein paar Monate mit ihm abzuhängen. Das
war damals ein Angebot, das man unmöglich ausschlagen konnte. Da der König
jedoch jeden einen Kopf kürzer zu machte pflegte, der sich nicht taufen ließ, ersparte
sich Leif den Ärger und wurde Christ. Christsein verpflichtet, also
missionierte er auch Mutter Tjodhildur. Nur bei seinem Vater, Erik dem Roten,
der auf Regeln pfiff, kam er bei diesem Thema nicht recht weiter. Bis sich bei
einem der regelmäßigen großen Besäufnisse in der kleinen Hütte Tjodhildur im
Schlafzimmer einschloss. Erik dürfe erst wieder bei ihr schlafen, wenn auch er
sich taufen ließe, richtete sie durch die geschlossene Holztür aus. Erik, der
für eine beliebige Anzahl an Nächten jede andere Wikingerin hätte haben können,
überlegte kurz. Aber er liebte seine Tjodhildur doch sehr. Heute sind 98
Prozent der Grönländer evangelisch. Und dass, obwohl die Wikingerkultur
ausstarb und die heutige Bevölkerung praktisch nichts mehr mit ihr zu tun hat –
außer, dass sie Touristen Geschichten wie diese erzählt.
Robbenfell, Alkohol und Selbstmord
Was ist das Leben? Was macht es lebenswert? Reicht es, in einem Iglu zu hocken, Walfett zu lutschen und sich aneinander zu wärmen unter den Robbenfellen, die in der Manufaktur von Great Greenland in Qaqortoq mit Chemikalien behandelt wurden, damit schön
glatt, weich, flauschig und haltbar sind? Die Chemikalien leitet Great
Greenland ins Meer, das ungewöhnlich blau schimmert. Aber nur noch zwei Jahre
lang, dann wird Umweltschutz in Grönland größer geschrieben. Vielleicht insgesamt
aber doch kleiner oder ungefähr genauso groß, denn es könnte sein, dass man auf
der größten Insel der Welt anfängt, nach seltenen Erden zu graben. Wo man dies
macht, ist die Landschaft für immer im Eimer und zwar komplett, sagen
Umweltschützer. Aber wir brauchen eine Beschäftigung für unsere Einwohner,
gerade für die Jungen, sagen Verfechter der unwahrscheinlichen Tatsache, dass
sich auf Grönland menschliche Zivilisation gebildet hat. Die Arbeitslosigkeit
liegt in dieser offiziell bei zehn Prozent, in Wirklichkeit aber wohl bei 15
bis 18 Prozent. Beliebt sind Alkohol und Selbstmord. Ersterer ist zwar
unfassbar teuer (eine Flasche Bier im Supermarkt liegt bei 2,50 Euro, Wein ist
ab 15 Euro zu haben, schlechter Whiskey ab knapp 100 Euro), direkt nach dem
Zahltag alle zwei Wochen aber erschwinglich – was allerdings oft auf Kosten der
Familie der Alkoholbenutzer geht. Dass Robbenjäger relativ viel Geld für ein
Robbenfell bekommen, obwohl dies auch behandelt nur noch schwer abzusetzen ist,
ist ein „social service“. So wie die neuen Minen für seltenen Erden einer
wären. Mit den seltenen Erden werden dann in China schlaue Mobiltelefone
gebaut, mit denen die Grönländer ins Internet gehen und sich zum Beispiel den
Wetterbericht anschauen können (-30 Grad, Schneefall) oder was in europäischen
Städten so los ist. Dorthin zu reisen ist immerhin verhältnismäßig günstiger,
als mit dem Boot in die nächste Siedlung zu reisen. Das ist allerdings wiederum
manchmal unerlässlich, weil nicht jede der kleinen „Städte“ genannten Menschenansammlungen auf Grönland einen Flughafen hat.
Dienstag, 20. August 2013
Mein Beatles-Poster
Seit etwa zwölf Jahren hängt dieses Beatles-Poster über meinem Sofa und ich frage mich in regelmäßigen Abständen, ob ich selbst irgendwo hängen geblieben bin. Ich meine, das Poster ist wirklich extrem schön: Die vier Beatles, Gott habe zwei davon selig, stehen mit Pilzköpfen und hochgeschlagenen Mantelkragen in einer Herbstlandschaft und schauen ein wenig melancholisch. Wenn ich es mir recht überlege, ist das eins der schönsten Bandfotos, das ich kenne. Bandfotos sind ja meistens so was von bescheuert. Die Mitglieder der Bands geben sich immer entweder hart oder cool oder lustig, sie schauen entweder extrem in die Kamera oder extrem nicht. Sie können aber leider nie darüber hinweg täuschen, dass sie eine Band sind, die fotografiert wird. Ein anderes gutes Bandfoto, das ich kenne, ist von The Arcade Fire. Anton Corbijn hat sie in schwarz-weiß irgendwie von sehr weit weg und oben fotografiert, wie sie hintereinander über eine Straße zum Meer laufen wie Lemminge. Gesichter spielen auf diesem Foto überhaupt keine Rolle und das finde ich gut. Auf dem Beatles-Poster spielen die Gesichter die eine, große Rolle und das finde ich auch gut. John, Paul, George und Ringo schauen alle in die Kamera, aber nicht extrem. Auch nicht stolz oder hart oder cool. Sie haben den Umgang mit der Kamera schon so circa zwei bis drei Jahre lang gelernt (angefangen bei Astrid Kirchherr in Hamburg, wo sie noch ganz bescheuert gucken) und schauen jetzt – ganz natürlich. So wie sie eben gerade gucken wollen. Man sieht: sie sind gerade in den USA angekommen, neugierig, vielleicht etwas unsicher, erschöpft. Vielleicht blitzt sogar der erste Gedanke daran auf, dass das alles mal zu viel werden könnte – die Beatles zu sein. Dass sie irgendwann keine Live-Konzerte spielen können, weil alle nur schreien und die Anlagen für diese Anforderungen einfach zu leise sind. Das Poster ist für mich also mehr als ein Poster der Beatles. Kinder hören die Beatles. Und alte Leute. Die Beatles sind uncool, weil sie nicht wirklich Rock’n’Roll und schon gar nicht Disco oder Afrobeat oder Jazz oder Elektronik spielen, gespielt haben. Aber erstmal ist Coolness doch eh für den Arsch. Ich wollte doch versuchen, mich nicht mehr so sehr über andere Leute zu definieren. Also frage ich mich: Was bedeutet das Beatles-Poster für mich? Das Paradies der Kindheit zum einen, ganz klar. Zum anderen den Ausdruck der Komplexität von Freundschaftsbeziehungen und von Unsicherheit in Bezug auf so vieles: Sind die Beatles unsicher, was ihre Zukunft und sie selbst betrifft? Oder sind sie vielleicht doch nur ein zusammengecasteter Haufen von Robotern, deren Gesichtsausdrücke für dieses Foto exakt eingestellt wurden, damit sich Generationen von Menschen darin wiederfinden und gleichzeitig verlieren? Ist dieses Foto eine der raffiniertesten Fallen der Kulturindustrie?
Ich finde gut, dass die Beatles-Show „Let It Be“ vom Londoner West End mich zu dieser Reflexion angeregt hat. Da war sie wenigstens zu irgendetwas nütze. Ich meine, da stand über zwei Stunden eine Beatles-Coverband auf der Bühne und spielte Beatles-Coverversionen. Schon ordentlich, ja. Aber George war kein Gitarrengenie, John konnte nicht wirklich Klavier, Ringo nicht singen, also gar nicht, und Paul war Rechtshänder. Und dann spielten sie sich natürlich durch das Gesamtwerk und nicht nur durch die live aufführbaren Stücke. Was dazu führte, dass irgendwann ein Keyboarder nicht nurmehr hinter, sondern auf der Bühne saß und zum Beispiel versuchte, die geniale Studiotüftelei „A Day In The Life“ bühnenfertig zu dudeln. Peinlich. Der einzige, der diesen Song live aufführen kann, ist Neil Young. Weil in seiner E-Gitarre ein durchgeschütteltes, rückwärts abgespieltes Orchester steckt. Bei der Beatles-Show „Let It Be“, die übrigens im Kölner Musical Dome in der Nähe des richtigen Doms gastierte, waren fast ausschließlich graue Menschen, die sich den Eintritt leisten konnten. Menschen, die diese Musik, also das Original jetzt, meiner Meinung nach gar nicht verstanden haben können. Und die genau für dies uncoole Image der Beatles gesorgt haben, mit dem ich jetzt innerlich zu kämpfen habe – jedes Mal wenn ich auf meinem Sofa liege. Ich lasse das Poster trotzdem erstmal hängen. So.
Ich finde gut, dass die Beatles-Show „Let It Be“ vom Londoner West End mich zu dieser Reflexion angeregt hat. Da war sie wenigstens zu irgendetwas nütze. Ich meine, da stand über zwei Stunden eine Beatles-Coverband auf der Bühne und spielte Beatles-Coverversionen. Schon ordentlich, ja. Aber George war kein Gitarrengenie, John konnte nicht wirklich Klavier, Ringo nicht singen, also gar nicht, und Paul war Rechtshänder. Und dann spielten sie sich natürlich durch das Gesamtwerk und nicht nur durch die live aufführbaren Stücke. Was dazu führte, dass irgendwann ein Keyboarder nicht nurmehr hinter, sondern auf der Bühne saß und zum Beispiel versuchte, die geniale Studiotüftelei „A Day In The Life“ bühnenfertig zu dudeln. Peinlich. Der einzige, der diesen Song live aufführen kann, ist Neil Young. Weil in seiner E-Gitarre ein durchgeschütteltes, rückwärts abgespieltes Orchester steckt. Bei der Beatles-Show „Let It Be“, die übrigens im Kölner Musical Dome in der Nähe des richtigen Doms gastierte, waren fast ausschließlich graue Menschen, die sich den Eintritt leisten konnten. Menschen, die diese Musik, also das Original jetzt, meiner Meinung nach gar nicht verstanden haben können. Und die genau für dies uncoole Image der Beatles gesorgt haben, mit dem ich jetzt innerlich zu kämpfen habe – jedes Mal wenn ich auf meinem Sofa liege. Ich lasse das Poster trotzdem erstmal hängen. So.
Montag, 12. August 2013
Bubbles: 30 Jahre Haldern Pop
Die Momente, in denen ich wirklich gern sterben würde, haben immer mit Musik zu tun. Als ich zum dritten oder vierten Mal das Köln Concert hörte und mich die Töne in diese seltsame Trance zwischen Melancholie, Glück und absoluter Klarheit versetzten – Klarheit scheinbar in Bezug auf alles. Dann das Konzert der Unthanks in der Kölner Kulturkirche: Nach einem heftigen Streit mit meiner damaligen Freundin gaben mir die Vokalharmonien der englischen Schwestern zum ersten Mal eine Ahnung davon, was der Pastor in der Sonntagschule gemeint haben konnte mit der absoluten Reinheit des Engelsgesangs (den Gemeindechor nämlich sicher nicht). Was für ein Soundtrack für den Weg zum Himmel! Oder ins Nirwana. Oder wohin auch immer. Was das jetzt alles mit dem Haldern Pop Festival am Niederrhein zu tun hat? Na, da gibt es auch seit zehn Jahren immer mindestens einen Moment, in dem ich mit mir und der Welt völlig im Reinen bin und alles seine Ordnung hat. Einen perfekten Moment zum Abtreten.
Vergangenes Jahr war das die überraschende Begegnung mit Bob Dylan, genauer: der Beginn unseres Gesprächs über Seifenblasen. Dem bekannten US-amerikanischen Folksänger war aufgefallen, dass hier, auf dem Haldern Pop, seiner Konzerterfahrung nach außergewöhnlich viele Menschen Seifenblasen in die Lüfte bliesen. „Bubbles“, pflegte er zu sagen und dabei das „u“ wie ein deutsches „u“ und nicht wie ein „a“ auszusprechen. Ständig unterbrach er seine Sätze, zeigte mit dem spitzen Zeigefinger seiner dürren, rechten Hand irgendwo hin: „Look at these bubbles.“ Nach der dritten oder vierten Unterbrechung versank er minutenlang in Gedanken. Um dann zu befinden: „Sie erinnern uns das Sterben und gleichzeitig an die vielen schönen Momente, die wir auf dem Weg dorthin erleben. Im besten Fall trifft beides zusammen – wie beim Zerplatzen einer Seifenblase.“ Wie praktisch in jeder Phase des Gesprächs mit Dylan hätten wir eigentlich nur Nicken und aus vollem Herzen „Genau“ sagen wollen. Aber wir wollten natürlich auch, dass das Gespräch weiterging und mehr Weisheiten gebar. Also fragte ich: „Haben die Seifenblasen nicht auch etwas mit dem Wesen der Popmusik zu tun: Der schöne Schein mit kurzer Halbwertzeit? Die hochfliegenden Träume, immer etwas zu schillernd, um der Realität standzuhalten?“ Was für ein unglaublicher Journalistenblödsinn, dachte ich, gleich nachdem ich diesen unausgegorenen Gedankenmost ausgesprochen hatte. „I'm sure you're right, man”, sagte der berühmte Singer/Songwriter. So, dass völlig klar war, dass er sich alles andere als sicher damit war.
Auf dem diesjährigen Haldern, dem 30. Jubiläum des Indiepop-Festivals, hatte die Seifenblasendichte scheinbar noch zugenommen. Menschen jeder Altersgruppe – Jugendliche aus der Nachbarschaft, Großstadt-Nerds und Hipster um die 20, ganze Familien in eleganter, moderner Hippie-Tracht, silberne Altrocker – sie schossen aus allen Rohren: Mit der normalen Pustefix-Ausrüstung, mit lautlosen oder laut quietschenden, automatischen Pistolen, die massenweise feine, kleine Blasen ausspuckten, mit Riesenblasenringen oder so einem länglichen Ding, dass Knubbel aus verschieden großen Seifenblasen in das Sonnenuntergangslicht entließ. Kein Foto durfte gemacht werden, ohne das jemand eine Seifenblase darüber blies. Kein Sänger nahm bloß ein Bad in der Menge, immer ließ er sich auch auf einen Tanz mit Seifenblasen ein. Und wisst ihr was? Ich fand das gut.
Wo wir schon beim Thema Fotografieren sind (vier Sätze weiter oben): Auf dem Haldern wird lomographiert. Niemand hier besitzt ein Smartphone. Niemand hier würde ein Foto derart entwerten, dass er es per Snapchat, Instagram, Flickr, Tumblr, Twitter, Facebook oder was auch immer mal eben an seine „Freunde“ (was sind das für Freunde?) absetzte. Auf dem Haldern wird jeder Moment mit vollen Sinnen erlebt und nicht in den leeren Raum geteilt. Das klingt jetzt vielleicht überspitzt und ironisch, aber die Sache hat doch einen wahren Kern, den ich in unserer Camping-Gruppe fand. Über viele Jahre ist sie zusammengewachsen aus Kölnern, Frankfurtern, Wienern, Istanbulern, Bochumern, Dortmundern Duisburgern, Leverkusenern, Göttingern und so weiter. Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen, Vorlieben, Geschmäckern, Schlaf-Wach-Rhythmen, Trinkfestigkeiten – die eines eint: Das Festival auf der Kuhwiese im kleinen Dorf Haldern am Niederrhein als erweiterte, neue, bessere Heimat zu fühlen. Schon am zweiten Tag war allen ins Gesicht geschrieben: „Bald ist es wieder vorbei, wie schrecklich.“
Den ganzen Samstagnachmittag bildeten wir auf dem tropisch grünen Sitzsack der Dortmunder eine Kuscheltrutzburg gegen das unabwendbare Übel. „Was für ein guter Moment, um zu sterben“, dachte ich, aber das Herz schlug gleichmäßig. Wir lagen da und starrten durch geliehene Nerdsonnenbrillen auf schmale Wolkenfetzen, als ich plötzlich eine junge Frau bemerkte, die im Schneidersitz an der Feuerstelle Platz genommen hatte. Ich sagte ihr ein freundliches und ehrerbietendes „Hallo“. „Hallo“, entgegnete sie und blickte uns aus tiefbraunen Augen an, die wie hinter einem Schleier lagen. Ihr Blick war mit offenen Augen verschlossen. „Ich beobachte das in letzter Zeit verstärkt, dass die Menschen sich aneinander festhalten“, sagte sie dann. „Was wir heute soziales Netzwerk nennen, ist eigentlich nur ein Ausdruck von Macht, ein Statussymbol, ein Erfolgmessgerät, ein Schmuckstück. Das Bedürfnis nach menschlicher Wärme und Liebe verstärkt es nur, es verzerrt die Wirklichkeit, verschiebt die Verhältnisse. Das Internet scheint dafür gemacht, Blasen zu produzieren.“ Und dann, was ich wirklich schräg fand, wiederholte sie das Wort noch einmal auf Englisch: „Bubbles“. Mit einem deutschen „u“.
Ich fragte Anna, woher sie kommt. Sie sagte, dass ihre zweite Heimat, die nach dem Haldern, eine schöne Stadt im Ruhrgebiet sei. Eine, die niemandem als schön gelte: Den einen sei sie zu provinziell, den anderen zu grau, den wieder anderen zu fad und den ganz anderen bot sie zu wenige Arbeitsplätze im Medienbereich. Anna jedoch hatte in Bochum ihr Paradies auf Erden gefunden. Unprätentiöse Menschen, direkt, offen und ehrlich, illegale Goa-Partys auf versteckten, grünen Brachgeländen, Bienenstöcke auf dem WG-Balkon, verwunschene Stadtviertel und ein Wellenfreibad. Wer wohnt schon in Düsseldorf? Ich erinnerte mich, dass einer meiner Arbeitgeber, die Redaktion eines Stadtmagazins, in Bochum residierte. Einen Tag nach Ende des Haldern-Jubiläums steckte ich tief in der Nach-Festival-Depression. Das Leben machte keinen Sinn mehr und ich mich auf, das Stadtmagazin zu besuchen. Die Stimme des Redakteurs klang am Telefon immer so sanft und beruhigend. „Du überziehst jede Deadline“, schimpfte er beim Besuch in Bochum. „Aber weil du so traurig bist, will ich dir jetzt ein Eis kaufen. Zwei Kugeln im Hörnchen: Himbeer-Minze und Gurke.“ Das Bochumer Eis sei sehr lebenswert und habe schon viele zerstörte Männer wieder auf die Beine gebracht.
Nachtrag:
Bands haben auch gespielt auf dem 30. Haldern Pop. Aber das kann man ja heute in der Printausgabe der Ruhr Nachrichten nachlesen.
Vergangenes Jahr war das die überraschende Begegnung mit Bob Dylan, genauer: der Beginn unseres Gesprächs über Seifenblasen. Dem bekannten US-amerikanischen Folksänger war aufgefallen, dass hier, auf dem Haldern Pop, seiner Konzerterfahrung nach außergewöhnlich viele Menschen Seifenblasen in die Lüfte bliesen. „Bubbles“, pflegte er zu sagen und dabei das „u“ wie ein deutsches „u“ und nicht wie ein „a“ auszusprechen. Ständig unterbrach er seine Sätze, zeigte mit dem spitzen Zeigefinger seiner dürren, rechten Hand irgendwo hin: „Look at these bubbles.“ Nach der dritten oder vierten Unterbrechung versank er minutenlang in Gedanken. Um dann zu befinden: „Sie erinnern uns das Sterben und gleichzeitig an die vielen schönen Momente, die wir auf dem Weg dorthin erleben. Im besten Fall trifft beides zusammen – wie beim Zerplatzen einer Seifenblase.“ Wie praktisch in jeder Phase des Gesprächs mit Dylan hätten wir eigentlich nur Nicken und aus vollem Herzen „Genau“ sagen wollen. Aber wir wollten natürlich auch, dass das Gespräch weiterging und mehr Weisheiten gebar. Also fragte ich: „Haben die Seifenblasen nicht auch etwas mit dem Wesen der Popmusik zu tun: Der schöne Schein mit kurzer Halbwertzeit? Die hochfliegenden Träume, immer etwas zu schillernd, um der Realität standzuhalten?“ Was für ein unglaublicher Journalistenblödsinn, dachte ich, gleich nachdem ich diesen unausgegorenen Gedankenmost ausgesprochen hatte. „I'm sure you're right, man”, sagte der berühmte Singer/Songwriter. So, dass völlig klar war, dass er sich alles andere als sicher damit war.
Auf dem diesjährigen Haldern, dem 30. Jubiläum des Indiepop-Festivals, hatte die Seifenblasendichte scheinbar noch zugenommen. Menschen jeder Altersgruppe – Jugendliche aus der Nachbarschaft, Großstadt-Nerds und Hipster um die 20, ganze Familien in eleganter, moderner Hippie-Tracht, silberne Altrocker – sie schossen aus allen Rohren: Mit der normalen Pustefix-Ausrüstung, mit lautlosen oder laut quietschenden, automatischen Pistolen, die massenweise feine, kleine Blasen ausspuckten, mit Riesenblasenringen oder so einem länglichen Ding, dass Knubbel aus verschieden großen Seifenblasen in das Sonnenuntergangslicht entließ. Kein Foto durfte gemacht werden, ohne das jemand eine Seifenblase darüber blies. Kein Sänger nahm bloß ein Bad in der Menge, immer ließ er sich auch auf einen Tanz mit Seifenblasen ein. Und wisst ihr was? Ich fand das gut.
Wo wir schon beim Thema Fotografieren sind (vier Sätze weiter oben): Auf dem Haldern wird lomographiert. Niemand hier besitzt ein Smartphone. Niemand hier würde ein Foto derart entwerten, dass er es per Snapchat, Instagram, Flickr, Tumblr, Twitter, Facebook oder was auch immer mal eben an seine „Freunde“ (was sind das für Freunde?) absetzte. Auf dem Haldern wird jeder Moment mit vollen Sinnen erlebt und nicht in den leeren Raum geteilt. Das klingt jetzt vielleicht überspitzt und ironisch, aber die Sache hat doch einen wahren Kern, den ich in unserer Camping-Gruppe fand. Über viele Jahre ist sie zusammengewachsen aus Kölnern, Frankfurtern, Wienern, Istanbulern, Bochumern, Dortmundern Duisburgern, Leverkusenern, Göttingern und so weiter. Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen, Vorlieben, Geschmäckern, Schlaf-Wach-Rhythmen, Trinkfestigkeiten – die eines eint: Das Festival auf der Kuhwiese im kleinen Dorf Haldern am Niederrhein als erweiterte, neue, bessere Heimat zu fühlen. Schon am zweiten Tag war allen ins Gesicht geschrieben: „Bald ist es wieder vorbei, wie schrecklich.“
Den ganzen Samstagnachmittag bildeten wir auf dem tropisch grünen Sitzsack der Dortmunder eine Kuscheltrutzburg gegen das unabwendbare Übel. „Was für ein guter Moment, um zu sterben“, dachte ich, aber das Herz schlug gleichmäßig. Wir lagen da und starrten durch geliehene Nerdsonnenbrillen auf schmale Wolkenfetzen, als ich plötzlich eine junge Frau bemerkte, die im Schneidersitz an der Feuerstelle Platz genommen hatte. Ich sagte ihr ein freundliches und ehrerbietendes „Hallo“. „Hallo“, entgegnete sie und blickte uns aus tiefbraunen Augen an, die wie hinter einem Schleier lagen. Ihr Blick war mit offenen Augen verschlossen. „Ich beobachte das in letzter Zeit verstärkt, dass die Menschen sich aneinander festhalten“, sagte sie dann. „Was wir heute soziales Netzwerk nennen, ist eigentlich nur ein Ausdruck von Macht, ein Statussymbol, ein Erfolgmessgerät, ein Schmuckstück. Das Bedürfnis nach menschlicher Wärme und Liebe verstärkt es nur, es verzerrt die Wirklichkeit, verschiebt die Verhältnisse. Das Internet scheint dafür gemacht, Blasen zu produzieren.“ Und dann, was ich wirklich schräg fand, wiederholte sie das Wort noch einmal auf Englisch: „Bubbles“. Mit einem deutschen „u“.Ich fragte Anna, woher sie kommt. Sie sagte, dass ihre zweite Heimat, die nach dem Haldern, eine schöne Stadt im Ruhrgebiet sei. Eine, die niemandem als schön gelte: Den einen sei sie zu provinziell, den anderen zu grau, den wieder anderen zu fad und den ganz anderen bot sie zu wenige Arbeitsplätze im Medienbereich. Anna jedoch hatte in Bochum ihr Paradies auf Erden gefunden. Unprätentiöse Menschen, direkt, offen und ehrlich, illegale Goa-Partys auf versteckten, grünen Brachgeländen, Bienenstöcke auf dem WG-Balkon, verwunschene Stadtviertel und ein Wellenfreibad. Wer wohnt schon in Düsseldorf? Ich erinnerte mich, dass einer meiner Arbeitgeber, die Redaktion eines Stadtmagazins, in Bochum residierte. Einen Tag nach Ende des Haldern-Jubiläums steckte ich tief in der Nach-Festival-Depression. Das Leben machte keinen Sinn mehr und ich mich auf, das Stadtmagazin zu besuchen. Die Stimme des Redakteurs klang am Telefon immer so sanft und beruhigend. „Du überziehst jede Deadline“, schimpfte er beim Besuch in Bochum. „Aber weil du so traurig bist, will ich dir jetzt ein Eis kaufen. Zwei Kugeln im Hörnchen: Himbeer-Minze und Gurke.“ Das Bochumer Eis sei sehr lebenswert und habe schon viele zerstörte Männer wieder auf die Beine gebracht.
Nachtrag:
Bands haben auch gespielt auf dem 30. Haldern Pop. Aber das kann man ja heute in der Printausgabe der Ruhr Nachrichten nachlesen.
Montag, 13. August 2012
Bob Dylan’s 2012th Dream
Es fühlte sich überraschend perfekt an, ganz allein auf dem
Zeltplatz. Im Campingstuhl am Chaostisch unter den Baumarkt-Pavillons.
Irgendein Biermix-Zeug im Getränkehalter. Im Westen ein goldener Sonnenuntergang. Aus dem Osten dröhnt Musik. Die
Tune-Yards? Egal. Mit der Gitarre in der Hand die zweite Strophe von Katja
niedergeschrieben: „Katja glaubt schon lange an das Ende / Und das es ganz
bestimmt schon sehr bald kommen wird.“ Ganz bestimmt schon sehr bald… kann man
nicht komplett zufrieden mit sein. Aber es wird wohl klar: Katja glaubt ans
Ende. Der Welt? Wahrscheinlich. Zumindest ihrer Welt. Vielleicht wartet sie
sogar darauf. Die anderen kommen zurück. Trinken, talken, grillen. Am
eigentlich blauen Horizont blitzt kurz die Ahnung einer schwarzen Wolke auf.
Eine sehr dichte Wolke, die aus Vögeln zu bestehen scheint. Aus schwarzen
Raben, die zu Asche zerfallen oder so. Die Asche wird zu einem Mann im schmal geschnittenen dunklen
Anzug mit Stock und Hut. Er wandert umher, aber geht ein wenig unrund. Wie ein
Huhn. Oder Geier.
Ich denke zurück an mein erstes Haldern-Festival. 2003 muss
das gewesen sein. Patti Smith spielte zum 20. Jubiläum. Die legendäre Patti
Smith. Vor ihrem Auftritt spazierte sie gedankenverloren über den Zeltplatz.
Einfach so. Die Leute tuschelten: „Ist das Iggy Pop?“ Bald verbreitete sich die
Nachricht: Die berühmte Künstlerin, beste Interpretin von Springsteens „Because
The Night“, läuft hier einfach so umher. Ganz volksnah. Wie auf der Suche nach
dem Woodstock-Spirit, beziehungsweise dem, was heute davon übrig ist. Das hat
ihr ganz schön Zeltplatz-Credibility eingebracht. Ob sie sich tatsächlich mit
Festivalbesuchern unterhalten hat, ist nicht überliefert.
Anders als meine Geschichte. Sie handelt von tba, also dem
freien Slot auf dem Haldern-Spielplan ein Jahr vor dem 30. Jubiläum. Schnell
machte ein absurdes Gerücht die Runde: Bob Dylan sollte ihn füllen. Es ist
klar, was das heißt: Alle halten das für groben Unsinn – unwahrscheinlicher
geht’s ja auch nicht – aber sind auch fasziniert. Gerüchte über die noch
geheimen Bands haben hier bislang immer gestimmt. Und jetzt wackelt da dieser
Mann im schwarzen Anzug umher. Während ich die Worte der zweiten Katja-Strophe
im Kopf jongliere, beobachte ich die Szenerie. Und stelle bei genauerem
Hinsehen fest: Der Mann wird verfolgt von zwei oder sogar drei weiteren Typen.
Sie sehen ziemlich unauffällig aus, das heißt: sie sind nur unwesentlich älter
als der für Popfestivals doch relativ alte Durchschnittsbesucher hier und
tragen irgendwie so Jeans und T-Shirt. Sie halten sich in ziemlich sicherer
Entfernung, das heißt: sie könnte einen Angreifer höchstwahrscheinlich vor dem
Tod des berühmten Songwriters erledigen, werden aber trotzdem nicht gleich blöd
als Bodyguards erkannt.
Während ich so daher denke, kommt mir plötzlich alles gar
nicht mehr so unwahrscheinlich vor: Bob Dylan spielt momentan fast immer vor
fünf- bis siebentausend Zuschauern, also genau der Haldern-Besucherzahl. Er mag
Open-Airs. Der Wind, der (Antworten) über die Bühne weht, entlockt ihm manchmal
ein Lächeln. Und die Sonne erleichtert ihm den Blues. Er mag es, neue
Generationen zu knacken und nicht immer dieselben eingerosteten Visagen bei
seinen Konzerten zu sehen. Etwas in der Art sagt er jedenfalls in seinen
Chronicles. Ich glaube: Er schaut deshalb selten bis nie ins Publikum, weil er
Angst vor diesen Gesichtern hat – und dass er sie als Spiegel deuten könnte.
Und warum sollte dieser Bob Dylan, den man sich zwar nur hinter den getönten
Scheiben eines Tourbusses vorstellen kann, den Tourbus nicht dann und wann verlassen?
Immerhin ist sein Leben eine Never-Ending-Tour und irgendwo muss die Erfahrung doch
herkommen, die weiter alle paar Jahre ein Album füllt.
Vielleicht, weil wir so ein schönes Bild abgeben, kommt das
kleine, schwarze Männlein nun auf uns zu. Stefan und Ariane sitzen auf einem
riesigen Aufblas-Sofa und kiffen. Die Truppe um Linda verkohlt Brot und
Würstchen auf dem Grill. Die Schweizer singen sich einmal quer durch ihr
Beatles-Songbook. Und gerade, als sie durch den Paul-McCartney-Part von „A Day
In The Life“ gestolpert sind und die letzte Lennon-Strophe anstimmen, bleibt
Dylan in fühlbarer Entfernung stehen. Die mit dem meisten Alkohol intus bringen
den Song zu Ende. Die anderen starren, so wie ich. Es bleibt einem ja auch fast
nichts anderes übrig in Anbetracht der abstrusen Unwahrscheinlichkeit des
Ereignisses und des irrsinnigen Legendenstatus des Sängers. Das hatten wir alle
nie geprobt.
Der erste, der den Mund aufmacht, ist Stefan, dessen
Realität mit unserer im Moment wahrscheinlich wenig gemein hat: „You’d like a
beer, sir?“ Doch Dylan hat sich längst etwas anderes ausgeguckt. Er zeigt auf
den Chaostisch, genauer: auf eine Flasche mit einer grünen Flüssigkeit.
Waldmeister-Likör. Seinen Hang zu grünen Getränken kann man oft auf seinen
Konzerten beobachten – immer, wenn er aus durchsichtigen Bechern trinkt. Aus seiner
Richtung krächzt es irgendwas mit „taste this?“ und eine der Schweizerinnen,
ich glaube Anni, schüttet geistesgegenwärtig einen praktisch blitzsauberen
Bierbecher vom letztjährigen Haldern (Wo kommt der denn jetzt her?) voll mit dem
Zeug. Der Sänger lässt sich nieder.
Wahrscheinlich aus Langeweile über unsere Fassungslosigkeit
nimmt er das Festival-Magazin in die Hand und blättert darin herum. Vielleicht
hat kurz den Kopf geneigt, komisch geschnaubt oder mit dem Fuß gescharrt – wie
auf ein für uns verborgenes Signal jedenfalls steht plötzlich ein Teil seiner
Entourage neben ihm. Und fängt an, das Editorial des Magazins zu übersetzen.
Mir ist das unfassbar peinlich. So kreuzreaktionär und nicht zu Ende gedacht
war der einleitende Text darin noch nie. Wenn er etwas über die Philosophie und
den Spirit des Haldern-Festivals sagt, dann nur über den kleinen, eher
unsympathischen Teil. Der Veranstalter wendet sich darin mit schwülstigen Worten
gegen den Nahverkehr. Gegen die günstige Möglichkeit, ein Dorf wie Haldern
schnell zu verlassen. Weil das die ländliche Gemeinschaft zerstört, das
kulturelle Leben im Keim erstickt. Irgendwie so. Ich glaube, Dylan hat unsere
Fremdscham gleich bemerkt. „Ich glaube, ich weiß, was er meint“, sagt er. „Aber
was wäre ich ohne die Züge, die mich aus der Heimat wegbrachten?“
„What would I be?“ Die Frage hallt lange nach. Alle sitzen
jetzt da und starren in der Gegend umher. Dylan wirkt jedem von uns so nah wie
ein Mensch dem anderen nur sein kann. Wow, diese Falten! Diese Stimme! Doch gleichzeitig wirkt er abwesend wie auf einem
anderen Planeten. Sein Blick ist mit offenen Augen verschlossen. Ich fange langsam an, die Situation zu begreifen. Als Chance –
oder eher als Möglichkeit, Fragen zu stellen: Warum tourst du so viel? Warum
spielst du auf der Bühne nur noch so selten Gitarre? Das zum Beispiel würde ich
vielleicht gerne wissen. Aber erst nachdem ich noch ein wenig seine Nähe
genossen habe. Ich lehne mich zurück, atme tief durch, schließe die Augen. Zwei
weitere Fragen drängeln sich nach vorn: Wie ist das mit der Liebe? Wie erträgt
man den Kummer?
Als ich die Augen öffne, ist Dylan weg. Ein Traum? Was wäre
das denn für eine witzlose Pointe?
Nein. Linda erzählt mir später, dass er noch mit ihr ins Zelt ist. „Das war strange“, sagt sie. „Als ob er was geahnt hätte, ist er mir einfach hinterher. Setzte sich auf einen Campingstuhl, schlug die Beine übereinander und blickte mich an. Oder vielmehr: durch mich durch. Er fragte: Was ist los? Einfach nur: What’s the matter? Und ich fing natürlich gleich an zu heulen und erzählte ihm die Geschichte. Dass Patrick mir gestern am Feuer einen Heiratsantrag gemacht hat. Wir sind jetzt verlobt, sagte ich und zeigte ihm meinen Ring. Doch da wirkte er schon wieder meilenweit weg, schaute in der Gegend rum. Er wackelte mit dem Kopf wie so ein Wackeldackel. Und war trotzdem bei mir, das konnte ich spüren. Ich wusste, dass er weiß, dass mich die Verlobung in eine Krise gestürzt hat, dass ich an der Beziehung zweifelte wie nie zuvor. Was absurd ist, weil ich immer dachte, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als die Sicherheit. Als dass dieser Mann, der doch praktisch von Natur aus darauf gepolt ist, rumzubaggern, seine Attraktivität auszutesten, und der das auch mehr als einmal getan hat, sich für mich entscheidet. Für immer – im Prinzip. Das brauchte ich Dylan nicht erst zu erklären. ‚You know what’, sagte er. ‚Es gibt keine Sicherheit. Es gibt Glück und es gibt Unglück. Es gibt gute Bands auf diesem Festival und es gibt Scheiß-Bands. Das weiß ich. Dass es Liebe gibt, glaube ich nur. Weil es den Kummer gibt.’ Ich glaube, er hat ‚that fucking grief’ gesagt. ‚Aber es führt kein Weg an ihm vorbei. Feel it. And I promise you: There will be happy days. Till the end.’“
Nein. Linda erzählt mir später, dass er noch mit ihr ins Zelt ist. „Das war strange“, sagt sie. „Als ob er was geahnt hätte, ist er mir einfach hinterher. Setzte sich auf einen Campingstuhl, schlug die Beine übereinander und blickte mich an. Oder vielmehr: durch mich durch. Er fragte: Was ist los? Einfach nur: What’s the matter? Und ich fing natürlich gleich an zu heulen und erzählte ihm die Geschichte. Dass Patrick mir gestern am Feuer einen Heiratsantrag gemacht hat. Wir sind jetzt verlobt, sagte ich und zeigte ihm meinen Ring. Doch da wirkte er schon wieder meilenweit weg, schaute in der Gegend rum. Er wackelte mit dem Kopf wie so ein Wackeldackel. Und war trotzdem bei mir, das konnte ich spüren. Ich wusste, dass er weiß, dass mich die Verlobung in eine Krise gestürzt hat, dass ich an der Beziehung zweifelte wie nie zuvor. Was absurd ist, weil ich immer dachte, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als die Sicherheit. Als dass dieser Mann, der doch praktisch von Natur aus darauf gepolt ist, rumzubaggern, seine Attraktivität auszutesten, und der das auch mehr als einmal getan hat, sich für mich entscheidet. Für immer – im Prinzip. Das brauchte ich Dylan nicht erst zu erklären. ‚You know what’, sagte er. ‚Es gibt keine Sicherheit. Es gibt Glück und es gibt Unglück. Es gibt gute Bands auf diesem Festival und es gibt Scheiß-Bands. Das weiß ich. Dass es Liebe gibt, glaube ich nur. Weil es den Kummer gibt.’ Ich glaube, er hat ‚that fucking grief’ gesagt. ‚Aber es führt kein Weg an ihm vorbei. Feel it. And I promise you: There will be happy days. Till the end.’“
Dienstag, 10. Januar 2012
Sigmar Gabriel
Da sitzt er nun, regungslos. Auf Standby, kann man sagen. Vor ihm: die Meute. Wobei: Eine Meute kann man die Studierendenschaft von heute ja auch nicht mehr nennen. In meiner romantisierten Vorstellung hätte es an der Ruhr-Universität noch vor wenigen Jahren einen Häufchen Aktive gegeben, die sich als etwas linker als die SPD verstehen und den Besuch des Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel zum Anlass für eine Demonstration genommen hätten. Gegen Sozialabbau. Oder irgendwas mit Studienbedingungen. Aber selbst das ist heute ja wieder schwierig: Die SPD in ein eindeutiges Feindbild einzubetten. Damals, 1998, als Gerhard Schröder sich anschickte, Kanzler zu werden, da sind wir hin zum Parteitag in der Bochumer Ruhrlandhalle. Die Wahlplakate mit ihm und seinem staatsmännischen Grinsen hatten wir von den Laternenmasten gerissen und trugen sie hoch erhoben, aber falschherum hinein, um zu zeigen: Wir möchten ja schon, dass nach 16 Jahren Kohl mal etwas anderes kommt, deshalb tragen wir deine Rübe durch die Gegend. Aber wir sind skeptisch, ob du das wirklich besser machen wirst, Herr Schröder. Beweis das erst mal, dann drehen wir das Ding vielleicht herum.
Auf eine merkwürdige, kaum zu fassende Art, habe ich Gerhard Schröder dann doch gemocht. Die großen Reportagen der glücklichen Redakteure der Süddeutschen Zeitungen verschlungen, die mit ihm auf Staatsreisen gehen durften. Sie reagierten natürlich wie jahrzehnte geschlagene, geschundene Hunde, die man plötzlich wieder streichelt: Verzückt, nahezu überdreht freudvoll berichteten sie vom gemeinsamen Rotweintrinken im Flugzeug, Fußballspielen mit dem mexikanischen Präsidenten, dem kulturaffinen, offenen und freien Wesen der neuen Alpha-Männer.
Und nun, wo Alpha-Männer ein wenig aus der Mode geraten sind, sitzt da also Sigmar Gabriel vor den Studierenden der Ruhr-Universität. Brav warten sie auf den Sitzen, Treppenstufen, unter Tischen, Tafeln, begraben unter Jackenbergen und Kamerastativen. Der Raum ist so voll, dass er einem kubistischen Gemälde gleicht: Irreale Formen, unzusammenhängende Körperteile. Vorne Sigmar Gabriel als nasser Sack, der von einem älteren Typen mit Bart vollgequatscht wird, den die Insiderstudentinnen von unter der Tafel nur "Häkelmützchen" nennen. Weil er eine Häkelmütze trägt. Am Ende seines aus der Ferne unverständlichen Monologs überreicht er dem SPD-Vorsitzenden eine Klarsichthülle mit selbstgemalten Unterlagen. Sigmar Gabriel nimmt sie freundlich entgegen. Hier wundere ich mich das erste Mal: Der Politiker war mir bisher wenig, und wenn, dann eher negativ aufgefallen. In der Phase vor meiner Politikverdrossenheit, also während der Regierung Schröder, geisterte er als gescheiterter niedersächsischer Ministerpräsident durch die Medien, der den großen Gerhard natürlich nicht beerben konnte. Man schob ihm den Posten des "Popbeauftragten" der Bundesregierung zu. Absurd. Fast noch bescheuerter als Dieter Gorny. Damit war er für mich abgehakt. Und nun sitzt er hier nur wenige Zentimeter vor mir und ist nett zu einem Vollfreak mit Häkelmütze. Respektvoll. Bei seinem Vortrag bin ich dann völlig baff: Er ist redegewandt, schnell, witzig, selbstironisch, total reflektiert. Sieht das Ende des Marktradikalismus und Neoliberalismus, weil es so ja nun wirklich nicht weiter geht. Geld darf nicht mehr die Welt regieren. Er sieht das total ein, dass keiner mehr Vertrauen in Politiker hat. Nennt ein Beispiel, wo die eigene Partei Mist gebaut hat: Als sie sich im Wahlkampf deutlich gegen eine Erhöhung der Mehrwertsteuer ausgesprochen hat und sie dann in der großen Koalition mit der CDU prompt um drei Prozent erhöhte. O-Ton Gabriel: "Weil die Forderung der SPD nach null Prozent Erhöhung mit der der CDU nach zwei Prozent Erhöhung in der Summe natürlich drei Prozent ergab." Das gefällt hier allen. Auch seine Einschätzung, dass man als SPD-Mann vor 20 Jahren noch vor Arbeitern sprechen und als einer von ihnen anerkannt wurde. Heute würde man hingegen als Alien, als einer von denen da oben angesehen - weil man ja Politiker sei. Diese fast schonungslose Selbstreflektion und auf eine Art entwaffnende Ehrlichkeit macht etwas mit dem jungen Wissenschaftlernachwuchs: Im großen Hörsaal sind bald alle verliebt in Siggi. Selbst mir fällt es schwer, die journalistische Distanz zu wahren. Der Ringbuchblock ist voll begeisterter Adjektive, die ich jetzt glücklicherweise nicht mehr lesen kann, weil sie so emphatisch dahingeschmiert wurden. Nach der Aufforderung zur Diskussion hätten die Studierenden ihren neuen Lieblingspolitiker am liebsten nur noch wortlos in den Arm genommen. Ein bis vor wenigen Minuten noch neoliberaler Wirtschaftsstudent mit Anzug und Krawatte unternimmt den zögerlichen Versuch einer kritischen Nachfrage. Irgendwas mit Wettbewerbsverzerrung durch Mindestlohn. Doch ihm ist deutlich anzumerken, dass er ideologisch längst umgeschwenkt ist, bloß noch keine Worte für seine sozialdemokratische Gesinnung hat. Bereits der nächste in der Fragerunde spricht aus, was allen auf den Herzen brennt: "Wenn sie Kanzler würden..." Weiter kommt er gar nicht, weil tosender Applaus ausbricht. Ja, Sigmar Gabriel als Kanzler! Etwas schöneres ist kaum vorstellbar! Sogar Häkelmützchen wirkt jetzt ruhig und entspannt. Als er vor versammelter Mannschaft noch einmal das nervöse Wort erhebt, bestärkt der zukünftige Kanzler sein Versprechen, dass er sich um sein Rentenversicherungsproblem persönlich kümmern werde. Niemand hier, der das bezweifelte.
Auf eine merkwürdige, kaum zu fassende Art, habe ich Gerhard Schröder dann doch gemocht. Die großen Reportagen der glücklichen Redakteure der Süddeutschen Zeitungen verschlungen, die mit ihm auf Staatsreisen gehen durften. Sie reagierten natürlich wie jahrzehnte geschlagene, geschundene Hunde, die man plötzlich wieder streichelt: Verzückt, nahezu überdreht freudvoll berichteten sie vom gemeinsamen Rotweintrinken im Flugzeug, Fußballspielen mit dem mexikanischen Präsidenten, dem kulturaffinen, offenen und freien Wesen der neuen Alpha-Männer.
Und nun, wo Alpha-Männer ein wenig aus der Mode geraten sind, sitzt da also Sigmar Gabriel vor den Studierenden der Ruhr-Universität. Brav warten sie auf den Sitzen, Treppenstufen, unter Tischen, Tafeln, begraben unter Jackenbergen und Kamerastativen. Der Raum ist so voll, dass er einem kubistischen Gemälde gleicht: Irreale Formen, unzusammenhängende Körperteile. Vorne Sigmar Gabriel als nasser Sack, der von einem älteren Typen mit Bart vollgequatscht wird, den die Insiderstudentinnen von unter der Tafel nur "Häkelmützchen" nennen. Weil er eine Häkelmütze trägt. Am Ende seines aus der Ferne unverständlichen Monologs überreicht er dem SPD-Vorsitzenden eine Klarsichthülle mit selbstgemalten Unterlagen. Sigmar Gabriel nimmt sie freundlich entgegen. Hier wundere ich mich das erste Mal: Der Politiker war mir bisher wenig, und wenn, dann eher negativ aufgefallen. In der Phase vor meiner Politikverdrossenheit, also während der Regierung Schröder, geisterte er als gescheiterter niedersächsischer Ministerpräsident durch die Medien, der den großen Gerhard natürlich nicht beerben konnte. Man schob ihm den Posten des "Popbeauftragten" der Bundesregierung zu. Absurd. Fast noch bescheuerter als Dieter Gorny. Damit war er für mich abgehakt. Und nun sitzt er hier nur wenige Zentimeter vor mir und ist nett zu einem Vollfreak mit Häkelmütze. Respektvoll. Bei seinem Vortrag bin ich dann völlig baff: Er ist redegewandt, schnell, witzig, selbstironisch, total reflektiert. Sieht das Ende des Marktradikalismus und Neoliberalismus, weil es so ja nun wirklich nicht weiter geht. Geld darf nicht mehr die Welt regieren. Er sieht das total ein, dass keiner mehr Vertrauen in Politiker hat. Nennt ein Beispiel, wo die eigene Partei Mist gebaut hat: Als sie sich im Wahlkampf deutlich gegen eine Erhöhung der Mehrwertsteuer ausgesprochen hat und sie dann in der großen Koalition mit der CDU prompt um drei Prozent erhöhte. O-Ton Gabriel: "Weil die Forderung der SPD nach null Prozent Erhöhung mit der der CDU nach zwei Prozent Erhöhung in der Summe natürlich drei Prozent ergab." Das gefällt hier allen. Auch seine Einschätzung, dass man als SPD-Mann vor 20 Jahren noch vor Arbeitern sprechen und als einer von ihnen anerkannt wurde. Heute würde man hingegen als Alien, als einer von denen da oben angesehen - weil man ja Politiker sei. Diese fast schonungslose Selbstreflektion und auf eine Art entwaffnende Ehrlichkeit macht etwas mit dem jungen Wissenschaftlernachwuchs: Im großen Hörsaal sind bald alle verliebt in Siggi. Selbst mir fällt es schwer, die journalistische Distanz zu wahren. Der Ringbuchblock ist voll begeisterter Adjektive, die ich jetzt glücklicherweise nicht mehr lesen kann, weil sie so emphatisch dahingeschmiert wurden. Nach der Aufforderung zur Diskussion hätten die Studierenden ihren neuen Lieblingspolitiker am liebsten nur noch wortlos in den Arm genommen. Ein bis vor wenigen Minuten noch neoliberaler Wirtschaftsstudent mit Anzug und Krawatte unternimmt den zögerlichen Versuch einer kritischen Nachfrage. Irgendwas mit Wettbewerbsverzerrung durch Mindestlohn. Doch ihm ist deutlich anzumerken, dass er ideologisch längst umgeschwenkt ist, bloß noch keine Worte für seine sozialdemokratische Gesinnung hat. Bereits der nächste in der Fragerunde spricht aus, was allen auf den Herzen brennt: "Wenn sie Kanzler würden..." Weiter kommt er gar nicht, weil tosender Applaus ausbricht. Ja, Sigmar Gabriel als Kanzler! Etwas schöneres ist kaum vorstellbar! Sogar Häkelmützchen wirkt jetzt ruhig und entspannt. Als er vor versammelter Mannschaft noch einmal das nervöse Wort erhebt, bestärkt der zukünftige Kanzler sein Versprechen, dass er sich um sein Rentenversicherungsproblem persönlich kümmern werde. Niemand hier, der das bezweifelte.
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