Donnerstag, 9. Januar 2014

Der Wikinger und das Christentum

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass er rausgeworfen wurde, aber wir glauben lieber diese ehrenvollere Version der Geschichte: Irgendwann wurde es Erik dem Roten in Island einfach zu voll. Er überredete ein paar andere Wikinger dazu, sich in Grönland nieder zu lassen. Hier ist es, und das gilt auch heute noch, definitiv nicht zu voll. In Narsaq, wo er sich damals Hütten baute, wohnen heute rund 50 Menschen auf praktisch unbegrenztem Platz. Man stellt sich Wikinger gewaltig groß, stark und mächtig vor. Furchteinflößend. Gewohnt haben sie allerdings in niedrigen, von Moos und Gras bedeckten Hobbithütten und man wundert sich, warum Peter Jackson nicht hier den Herrn der Ringe gedreht hat. Er hätte nichts verändern müssen. Um in eine Hütte zu gelangen, kriecht man einen langen, etwa einen Meter hohen Gang entlang, aber wer weiß, vielleicht konnten die Wikinger ihn damals aufrecht entlang schreiten. Man hat uns keine Skelette zur Überprüfung der Körpergröße zur Verfügung gestellt. Nach einer langen Reise kam eines Tages Leif Erikson, der Sohn Eriks des Roten, mit dem Schiff heim ins Hobbitland und war Christ geworden. Der dänische König hatte ihn eingeladen, ein paar Monate mit ihm abzuhängen. Das war damals ein Angebot, das man unmöglich ausschlagen konnte. Da der König jedoch jeden einen Kopf kürzer zu machte pflegte, der sich nicht taufen ließ, ersparte sich Leif den Ärger und wurde Christ. Christsein verpflichtet, also missionierte er auch Mutter Tjodhildur. Nur bei seinem Vater, Erik dem Roten, der auf Regeln pfiff, kam er bei diesem Thema nicht recht weiter. Bis sich bei einem der regelmäßigen großen Besäufnisse in der kleinen Hütte Tjodhildur im Schlafzimmer einschloss. Erik dürfe erst wieder bei ihr schlafen, wenn auch er sich taufen ließe, richtete sie durch die geschlossene Holztür aus. Erik, der für eine beliebige Anzahl an Nächten jede andere Wikingerin hätte haben können, überlegte kurz. Aber er liebte seine Tjodhildur doch sehr. Heute sind 98 Prozent der Grönländer evangelisch. Und dass, obwohl die Wikingerkultur ausstarb und die heutige Bevölkerung praktisch nichts mehr mit ihr zu tun hat – außer, dass sie Touristen Geschichten wie diese erzählt.

Robbenfell, Alkohol und Selbstmord

Was ist das Leben? Was macht es lebenswert? Reicht es, in einem Iglu zu hocken, Walfett zu lutschen und sich aneinander zu wärmen unter den Robbenfellen, die in der Manufaktur von Great Greenland in Qaqortoq mit Chemikalien behandelt wurden, damit schön glatt, weich, flauschig und haltbar sind? Die Chemikalien leitet Great Greenland ins Meer, das ungewöhnlich blau schimmert. Aber nur noch zwei Jahre lang, dann wird Umweltschutz in Grönland größer geschrieben. Vielleicht insgesamt aber doch kleiner oder ungefähr genauso groß, denn es könnte sein, dass man auf der größten Insel der Welt anfängt, nach seltenen Erden zu graben. Wo man dies macht, ist die Landschaft für immer im Eimer und zwar komplett, sagen Umweltschützer. Aber wir brauchen eine Beschäftigung für unsere Einwohner, gerade für die Jungen, sagen Verfechter der unwahrscheinlichen Tatsache, dass sich auf Grönland menschliche Zivilisation gebildet hat. Die Arbeitslosigkeit liegt in dieser offiziell bei zehn Prozent, in Wirklichkeit aber wohl bei 15 bis 18 Prozent. Beliebt sind Alkohol und Selbstmord. Ersterer ist zwar unfassbar teuer (eine Flasche Bier im Supermarkt liegt bei 2,50 Euro, Wein ist ab 15 Euro zu haben, schlechter Whiskey ab knapp 100 Euro), direkt nach dem Zahltag alle zwei Wochen aber erschwinglich – was allerdings oft auf Kosten der Familie der Alkoholbenutzer geht. Dass Robbenjäger relativ viel Geld für ein Robbenfell bekommen, obwohl dies auch behandelt nur noch schwer abzusetzen ist, ist ein „social service“. So wie die neuen Minen für seltenen Erden einer wären. Mit den seltenen Erden werden dann in China schlaue Mobiltelefone gebaut, mit denen die Grönländer ins Internet gehen und sich zum Beispiel den Wetterbericht anschauen können (-30 Grad, Schneefall) oder was in europäischen Städten so los ist. Dorthin zu reisen ist immerhin verhältnismäßig günstiger, als mit dem Boot in die nächste Siedlung zu reisen. Das ist allerdings wiederum manchmal unerlässlich, weil nicht jede der kleinen „Städte“ genannten Menschenansammlungen auf Grönland einen Flughafen hat.

Dienstag, 20. August 2013

Mein Beatles-Poster

Seit etwa zwölf Jahren hängt dieses Beatles-Poster über meinem Sofa und ich frage mich in regelmäßigen Abständen, ob ich selbst irgendwo hängen geblieben bin. Ich meine, das Poster ist wirklich extrem schön: Die vier Beatles, Gott habe zwei davon selig, stehen mit Pilzköpfen und hochgeschlagenen Mantelkragen in einer Herbstlandschaft und schauen ein wenig melancholisch. Wenn ich es mir recht überlege, ist das eins der schönsten Bandfotos, das ich kenne. Bandfotos sind ja meistens so was von bescheuert. Die Mitglieder der Bands geben sich immer entweder hart oder cool oder lustig, sie schauen entweder extrem in die Kamera oder extrem nicht. Sie können aber leider nie darüber hinweg täuschen, dass sie eine Band sind, die fotografiert wird. Ein anderes gutes Bandfoto, das ich kenne, ist von The Arcade Fire. Anton Corbijn hat sie in schwarz-weiß irgendwie von sehr weit weg und oben fotografiert, wie sie hintereinander über eine Straße zum Meer laufen wie Lemminge. Gesichter spielen auf diesem Foto überhaupt keine Rolle und das finde ich gut. Auf dem Beatles-Poster spielen die Gesichter die eine, große Rolle und das finde ich auch gut. John, Paul, George und Ringo schauen alle in die Kamera, aber nicht extrem. Auch nicht stolz oder hart oder cool. Sie haben den Umgang mit der Kamera schon so circa zwei bis drei Jahre lang gelernt (angefangen bei Astrid Kirchherr in Hamburg, wo sie noch ganz bescheuert gucken) und schauen jetzt – ganz natürlich. So wie sie eben gerade gucken wollen. Man sieht: sie sind gerade in den USA angekommen, neugierig, vielleicht etwas unsicher, erschöpft. Vielleicht blitzt sogar der erste Gedanke daran auf, dass das alles mal zu viel werden könnte – die Beatles zu sein. Dass sie irgendwann keine Live-Konzerte spielen können, weil alle nur schreien und die Anlagen für diese Anforderungen einfach zu leise sind. Das Poster ist für mich also mehr als ein Poster der Beatles. Kinder hören die Beatles. Und alte Leute. Die Beatles sind uncool, weil sie nicht wirklich Rock’n’Roll und schon gar nicht Disco oder Afrobeat oder Jazz oder Elektronik spielen, gespielt haben. Aber erstmal ist Coolness doch eh für den Arsch. Ich wollte doch versuchen, mich nicht mehr so sehr über andere Leute zu definieren. Also frage ich mich: Was bedeutet das Beatles-Poster für mich? Das Paradies der Kindheit zum einen, ganz klar. Zum anderen den Ausdruck der Komplexität von Freundschaftsbeziehungen und von Unsicherheit in Bezug auf so vieles: Sind die Beatles unsicher, was ihre Zukunft und sie selbst betrifft? Oder sind sie vielleicht doch nur ein zusammengecasteter Haufen von Robotern, deren Gesichtsausdrücke für dieses Foto exakt eingestellt wurden, damit sich Generationen von Menschen darin wiederfinden und gleichzeitig verlieren? Ist dieses Foto eine der raffiniertesten Fallen der Kulturindustrie?
Ich finde gut, dass die Beatles-Show „Let It Be“ vom Londoner West End mich zu dieser Reflexion angeregt hat. Da war sie wenigstens zu irgendetwas nütze. Ich meine, da stand über zwei Stunden eine Beatles-Coverband auf der Bühne und spielte Beatles-Coverversionen. Schon ordentlich, ja. Aber George war kein Gitarrengenie, John konnte nicht wirklich Klavier, Ringo nicht singen, also gar nicht, und Paul war Rechtshänder. Und dann spielten sie sich natürlich durch das Gesamtwerk und nicht nur durch die live aufführbaren Stücke. Was dazu führte, dass irgendwann ein Keyboarder nicht nurmehr hinter, sondern auf der Bühne saß und zum Beispiel versuchte, die geniale Studiotüftelei „A Day In The Life“ bühnenfertig zu dudeln. Peinlich. Der einzige, der diesen Song live aufführen kann, ist Neil Young. Weil in seiner E-Gitarre ein durchgeschütteltes, rückwärts abgespieltes Orchester steckt. Bei der Beatles-Show „Let It Be“, die übrigens im Kölner Musical Dome in der Nähe des richtigen Doms gastierte, waren fast ausschließlich graue Menschen, die sich den Eintritt leisten konnten. Menschen, die diese Musik, also das Original jetzt, meiner Meinung nach gar nicht verstanden haben können. Und die genau für dies uncoole Image der Beatles gesorgt haben, mit dem ich jetzt innerlich zu kämpfen habe – jedes Mal wenn ich auf meinem Sofa liege. Ich lasse das Poster trotzdem erstmal hängen. So.

Montag, 12. August 2013

Bubbles: 30 Jahre Haldern Pop

Die Momente, in denen ich wirklich gern sterben würde, haben immer mit Musik zu tun. Als ich zum dritten oder vierten Mal das Köln Concert hörte und mich die Töne in diese seltsame Trance zwischen Melancholie, Glück und absoluter Klarheit versetzten – Klarheit scheinbar in Bezug auf alles. Dann das Konzert der Unthanks in der Kölner Kulturkirche: Nach einem heftigen Streit mit meiner damaligen Freundin gaben mir die Vokalharmonien der englischen Schwestern zum ersten Mal eine Ahnung davon, was der Pastor in der Sonntagschule gemeint haben konnte mit der absoluten Reinheit des Engelsgesangs (den Gemeindechor nämlich sicher nicht). Was für ein Soundtrack für den Weg zum Himmel! Oder ins Nirwana. Oder wohin auch immer. Was das jetzt alles mit dem Haldern Pop Festival am Niederrhein zu tun hat? Na, da gibt es auch seit zehn Jahren immer mindestens einen Moment, in dem ich mit mir und der Welt völlig im Reinen bin und alles seine Ordnung hat. Einen perfekten Moment zum Abtreten.

Vergangenes Jahr war das die überraschende Begegnung mit Bob Dylan, genauer: der Beginn unseres Gesprächs über Seifenblasen. Dem bekannten US-amerikanischen Folksänger war aufgefallen, dass hier, auf dem Haldern Pop, seiner Konzerterfahrung nach außergewöhnlich viele Menschen Seifenblasen in die Lüfte bliesen. „Bubbles“, pflegte er zu sagen und dabei das „u“ wie ein deutsches „u“ und nicht wie ein „a“ auszusprechen. Ständig unterbrach er seine Sätze, zeigte mit dem spitzen Zeigefinger seiner dürren, rechten Hand irgendwo hin: „Look at these bubbles.“ Nach der dritten oder vierten Unterbrechung versank er minutenlang in Gedanken. Um dann zu befinden: „Sie erinnern uns das Sterben und gleichzeitig an die vielen schönen Momente, die wir auf dem Weg dorthin erleben. Im besten Fall trifft beides zusammen – wie beim Zerplatzen einer Seifenblase.“ Wie praktisch in jeder Phase des Gesprächs mit Dylan hätten wir eigentlich nur Nicken und aus vollem Herzen „Genau“ sagen wollen. Aber wir wollten natürlich auch, dass das Gespräch weiterging und mehr Weisheiten gebar. Also fragte ich: „Haben die Seifenblasen nicht auch etwas mit dem Wesen der Popmusik zu tun: Der schöne Schein mit kurzer Halbwertzeit? Die hochfliegenden Träume, immer etwas zu schillernd, um der Realität standzuhalten?“ Was für ein unglaublicher Journalistenblödsinn, dachte ich, gleich nachdem ich diesen unausgegorenen Gedankenmost ausgesprochen hatte. „I'm sure you're right, man”, sagte der berühmte Singer/Songwriter. So, dass völlig klar war, dass er sich alles andere als sicher damit war.

Auf dem diesjährigen Haldern, dem 30. Jubiläum des Indiepop-Festivals, hatte die Seifenblasendichte scheinbar noch zugenommen. Menschen jeder Altersgruppe – Jugendliche aus der Nachbarschaft, Großstadt-Nerds und Hipster um die 20, ganze Familien in eleganter, moderner Hippie-Tracht, silberne Altrocker – sie schossen aus allen Rohren: Mit der normalen Pustefix-Ausrüstung, mit lautlosen oder laut quietschenden, automatischen Pistolen, die massenweise feine, kleine Blasen ausspuckten, mit Riesenblasenringen oder so einem länglichen Ding, dass Knubbel aus verschieden großen Seifenblasen in das Sonnenuntergangslicht entließ. Kein Foto durfte gemacht werden, ohne das jemand eine Seifenblase darüber blies. Kein Sänger nahm bloß ein Bad in der Menge, immer ließ er sich auch auf einen Tanz mit Seifenblasen ein. Und wisst ihr was? Ich fand das gut.

Wo wir schon beim Thema Fotografieren sind (vier Sätze weiter oben): Auf dem Haldern wird lomographiert. Niemand hier besitzt ein Smartphone. Niemand hier würde ein Foto derart entwerten, dass er es per Snapchat, Instagram, Flickr, Tumblr, Twitter, Facebook oder was auch immer mal eben an seine „Freunde“ (was sind das für Freunde?) absetzte. Auf dem Haldern wird jeder Moment mit vollen Sinnen erlebt und nicht in den leeren Raum geteilt. Das klingt jetzt vielleicht überspitzt und ironisch, aber die Sache hat doch einen wahren Kern, den ich in unserer Camping-Gruppe fand. Über viele Jahre ist sie zusammengewachsen aus Kölnern, Frankfurtern, Wienern, Istanbulern, Bochumern, Dortmundern Duisburgern, Leverkusenern, Göttingern und so weiter. Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen, Vorlieben, Geschmäckern, Schlaf-Wach-Rhythmen, Trinkfestigkeiten – die eines eint: Das Festival auf der Kuhwiese im kleinen Dorf Haldern am Niederrhein als erweiterte, neue, bessere Heimat zu fühlen. Schon am zweiten Tag war allen ins Gesicht geschrieben: „Bald ist es wieder vorbei, wie schrecklich.“


Den ganzen Samstagnachmittag bildeten wir auf dem tropisch grünen Sitzsack der Dortmunder eine Kuscheltrutzburg gegen das unabwendbare Übel. „Was für ein guter Moment, um zu sterben“, dachte ich, aber das Herz schlug gleichmäßig. Wir lagen da und starrten durch geliehene Nerdsonnenbrillen auf schmale Wolkenfetzen, als ich plötzlich eine junge Frau bemerkte, die im Schneidersitz an der Feuerstelle Platz genommen hatte. Ich sagte ihr ein freundliches und ehrerbietendes „Hallo“. „Hallo“, entgegnete sie und blickte uns aus tiefbraunen Augen an, die wie hinter einem Schleier lagen. Ihr Blick war mit offenen Augen verschlossen. „Ich beobachte das in letzter Zeit verstärkt, dass die Menschen sich aneinander festhalten“, sagte sie dann. „Was wir heute soziales Netzwerk nennen, ist eigentlich nur ein Ausdruck von Macht, ein Statussymbol, ein Erfolgmessgerät, ein Schmuckstück. Das Bedürfnis nach menschlicher Wärme und Liebe verstärkt es nur, es verzerrt die Wirklichkeit, verschiebt die Verhältnisse. Das Internet scheint dafür gemacht, Blasen zu produzieren.“ Und dann, was ich wirklich schräg fand, wiederholte sie das Wort noch einmal auf Englisch: „Bubbles“. Mit einem deutschen „u“.

Ich fragte Anna, woher sie kommt. Sie sagte, dass ihre zweite Heimat, die nach dem Haldern, eine schöne Stadt im Ruhrgebiet sei. Eine, die niemandem als schön gelte: Den einen sei sie zu provinziell, den anderen zu grau, den wieder anderen zu fad und den ganz anderen bot sie zu wenige Arbeitsplätze im Medienbereich. Anna jedoch hatte in Bochum ihr Paradies auf Erden gefunden. Unprätentiöse Menschen, direkt, offen und ehrlich, illegale Goa-Partys auf versteckten, grünen Brachgeländen, Bienenstöcke auf dem WG-Balkon, verwunschene Stadtviertel und ein Wellenfreibad. Wer wohnt schon in Düsseldorf? Ich erinnerte mich, dass einer meiner Arbeitgeber, die Redaktion eines Stadtmagazins, in Bochum residierte. Einen Tag nach Ende des Haldern-Jubiläums steckte ich tief in der Nach-Festival-Depression. Das Leben machte keinen Sinn mehr und ich mich auf, das Stadtmagazin zu besuchen. Die Stimme des Redakteurs klang am Telefon immer so sanft und beruhigend. „Du überziehst jede Deadline“, schimpfte er beim Besuch in Bochum. „Aber weil du so traurig bist, will ich dir jetzt ein Eis kaufen. Zwei Kugeln im Hörnchen: Himbeer-Minze und Gurke.“ Das Bochumer Eis sei sehr lebenswert und habe schon viele zerstörte Männer wieder auf die Beine gebracht.


Nachtrag:
Bands haben auch gespielt auf dem 30. Haldern Pop. Aber das kann man ja heute in der Printausgabe der Ruhr Nachrichten nachlesen.

Montag, 13. August 2012

Bob Dylan’s 2012th Dream

Es fühlte sich überraschend perfekt an, ganz allein auf dem Zeltplatz. Im Campingstuhl am Chaostisch unter den Baumarkt-Pavillons. Irgendein Biermix-Zeug im Getränkehalter. Im Westen ein goldener Sonnenuntergang. Aus dem Osten dröhnt Musik. Die Tune-Yards? Egal. Mit der Gitarre in der Hand die zweite Strophe von Katja niedergeschrieben: „Katja glaubt schon lange an das Ende / Und das es ganz bestimmt schon sehr bald kommen wird.“ Ganz bestimmt schon sehr bald… kann man nicht komplett zufrieden mit sein. Aber es wird wohl klar: Katja glaubt ans Ende. Der Welt? Wahrscheinlich. Zumindest ihrer Welt. Vielleicht wartet sie sogar darauf. Die anderen kommen zurück. Trinken, talken, grillen. Am eigentlich blauen Horizont blitzt kurz die Ahnung einer schwarzen Wolke auf. Eine sehr dichte Wolke, die aus Vögeln zu bestehen scheint. Aus schwarzen Raben, die zu Asche zerfallen oder so. Die Asche wird zu einem Mann im schmal geschnittenen dunklen Anzug mit Stock und Hut. Er wandert umher, aber geht ein wenig unrund. Wie ein Huhn. Oder Geier.

Ich denke zurück an mein erstes Haldern-Festival. 2003 muss das gewesen sein. Patti Smith spielte zum 20. Jubiläum. Die legendäre Patti Smith. Vor ihrem Auftritt spazierte sie gedankenverloren über den Zeltplatz. Einfach so. Die Leute tuschelten: „Ist das Iggy Pop?“ Bald verbreitete sich die Nachricht: Die berühmte Künstlerin, beste Interpretin von Springsteens „Because The Night“, läuft hier einfach so umher. Ganz volksnah. Wie auf der Suche nach dem Woodstock-Spirit, beziehungsweise dem, was heute davon übrig ist. Das hat ihr ganz schön Zeltplatz-Credibility eingebracht. Ob sie sich tatsächlich mit Festivalbesuchern unterhalten hat, ist nicht überliefert.

Anders als meine Geschichte. Sie handelt von tba, also dem freien Slot auf dem Haldern-Spielplan ein Jahr vor dem 30. Jubiläum. Schnell machte ein absurdes Gerücht die Runde: Bob Dylan sollte ihn füllen. Es ist klar, was das heißt: Alle halten das für groben Unsinn – unwahrscheinlicher geht’s ja auch nicht – aber sind auch fasziniert. Gerüchte über die noch geheimen Bands haben hier bislang immer gestimmt. Und jetzt wackelt da dieser Mann im schwarzen Anzug umher. Während ich die Worte der zweiten Katja-Strophe im Kopf jongliere, beobachte ich die Szenerie. Und stelle bei genauerem Hinsehen fest: Der Mann wird verfolgt von zwei oder sogar drei weiteren Typen. Sie sehen ziemlich unauffällig aus, das heißt: sie sind nur unwesentlich älter als der für Popfestivals doch relativ alte Durchschnittsbesucher hier und tragen irgendwie so Jeans und T-Shirt. Sie halten sich in ziemlich sicherer Entfernung, das heißt: sie könnte einen Angreifer höchstwahrscheinlich vor dem Tod des berühmten Songwriters erledigen, werden aber trotzdem nicht gleich blöd als Bodyguards erkannt.

Während ich so daher denke, kommt mir plötzlich alles gar nicht mehr so unwahrscheinlich vor: Bob Dylan spielt momentan fast immer vor fünf- bis siebentausend Zuschauern, also genau der Haldern-Besucherzahl. Er mag Open-Airs. Der Wind, der (Antworten) über die Bühne weht, entlockt ihm manchmal ein Lächeln. Und die Sonne erleichtert ihm den Blues. Er mag es, neue Generationen zu knacken und nicht immer dieselben eingerosteten Visagen bei seinen Konzerten zu sehen. Etwas in der Art sagt er jedenfalls in seinen Chronicles. Ich glaube: Er schaut deshalb selten bis nie ins Publikum, weil er Angst vor diesen Gesichtern hat – und dass er sie als Spiegel deuten könnte. Und warum sollte dieser Bob Dylan, den man sich zwar nur hinter den getönten Scheiben eines Tourbusses vorstellen kann, den Tourbus nicht dann und wann verlassen? Immerhin ist sein Leben eine Never-Ending-Tour und irgendwo muss die Erfahrung doch herkommen, die weiter alle paar Jahre ein Album füllt.

Vielleicht, weil wir so ein schönes Bild abgeben, kommt das kleine, schwarze Männlein nun auf uns zu. Stefan und Ariane sitzen auf einem riesigen Aufblas-Sofa und kiffen. Die Truppe um Linda verkohlt Brot und Würstchen auf dem Grill. Die Schweizer singen sich einmal quer durch ihr Beatles-Songbook. Und gerade, als sie durch den Paul-McCartney-Part von „A Day In The Life“ gestolpert sind und die letzte Lennon-Strophe anstimmen, bleibt Dylan in fühlbarer Entfernung stehen. Die mit dem meisten Alkohol intus bringen den Song zu Ende. Die anderen starren, so wie ich. Es bleibt einem ja auch fast nichts anderes übrig in Anbetracht der abstrusen Unwahrscheinlichkeit des Ereignisses und des irrsinnigen Legendenstatus des Sängers. Das hatten wir alle nie geprobt.

Der erste, der den Mund aufmacht, ist Stefan, dessen Realität mit unserer im Moment wahrscheinlich wenig gemein hat: „You’d like a beer, sir?“ Doch Dylan hat sich längst etwas anderes ausgeguckt. Er zeigt auf den Chaostisch, genauer: auf eine Flasche mit einer grünen Flüssigkeit. Waldmeister-Likör. Seinen Hang zu grünen Getränken kann man oft auf seinen Konzerten beobachten – immer, wenn er aus durchsichtigen Bechern trinkt. Aus seiner Richtung krächzt es irgendwas mit „taste this?“ und eine der Schweizerinnen, ich glaube Anni, schüttet geistesgegenwärtig einen praktisch blitzsauberen Bierbecher vom letztjährigen Haldern (Wo kommt der denn jetzt her?) voll mit dem Zeug. Der Sänger lässt sich nieder.

Wahrscheinlich aus Langeweile über unsere Fassungslosigkeit nimmt er das Festival-Magazin in die Hand und blättert darin herum. Vielleicht hat kurz den Kopf geneigt, komisch geschnaubt oder mit dem Fuß gescharrt – wie auf ein für uns verborgenes Signal jedenfalls steht plötzlich ein Teil seiner Entourage neben ihm. Und fängt an, das Editorial des Magazins zu übersetzen. Mir ist das unfassbar peinlich. So kreuzreaktionär und nicht zu Ende gedacht war der einleitende Text darin noch nie. Wenn er etwas über die Philosophie und den Spirit des Haldern-Festivals sagt, dann nur über den kleinen, eher unsympathischen Teil. Der Veranstalter wendet sich darin mit schwülstigen Worten gegen den Nahverkehr. Gegen die günstige Möglichkeit, ein Dorf wie Haldern schnell zu verlassen. Weil das die ländliche Gemeinschaft zerstört, das kulturelle Leben im Keim erstickt. Irgendwie so. Ich glaube, Dylan hat unsere Fremdscham gleich bemerkt. „Ich glaube, ich weiß, was er meint“, sagt er. „Aber was wäre ich ohne die Züge, die mich aus der Heimat wegbrachten?“

„What would I be?“ Die Frage hallt lange nach. Alle sitzen jetzt da und starren in der Gegend umher. Dylan wirkt jedem von uns so nah wie ein Mensch dem anderen nur sein kann. Wow, diese Falten! Diese Stimme! Doch gleichzeitig wirkt er abwesend wie auf einem anderen Planeten. Sein Blick ist mit offenen Augen verschlossen. Ich fange langsam an, die Situation zu begreifen. Als Chance – oder eher als Möglichkeit, Fragen zu stellen: Warum tourst du so viel? Warum spielst du auf der Bühne nur noch so selten Gitarre? Das zum Beispiel würde ich vielleicht gerne wissen. Aber erst nachdem ich noch ein wenig seine Nähe genossen habe. Ich lehne mich zurück, atme tief durch, schließe die Augen. Zwei weitere Fragen drängeln sich nach vorn: Wie ist das mit der Liebe? Wie erträgt man den Kummer?

Als ich die Augen öffne, ist Dylan weg. Ein Traum? Was wäre das denn für eine witzlose Pointe?

Nein. Linda erzählt mir später, dass er noch mit ihr ins Zelt ist. „Das war strange“, sagt sie. „Als ob er was geahnt hätte, ist er mir einfach hinterher. Setzte sich auf einen Campingstuhl, schlug die Beine übereinander und blickte mich an. Oder vielmehr: durch mich durch. Er fragte: Was ist los? Einfach nur: What’s the matter? Und ich fing natürlich gleich an zu heulen und erzählte ihm die Geschichte. Dass Patrick mir gestern am Feuer einen Heiratsantrag gemacht hat. Wir sind jetzt verlobt, sagte ich und zeigte ihm meinen Ring. Doch da wirkte er schon wieder meilenweit weg, schaute in der Gegend rum. Er wackelte mit dem Kopf wie so ein Wackeldackel. Und war trotzdem bei mir, das konnte ich spüren. Ich wusste, dass er weiß, dass mich die Verlobung in eine Krise gestürzt hat, dass ich an der Beziehung zweifelte wie nie zuvor. Was absurd ist, weil ich immer dachte, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als die Sicherheit. Als dass dieser Mann, der doch praktisch von Natur aus darauf gepolt ist, rumzubaggern, seine Attraktivität auszutesten, und der das auch mehr als einmal getan hat, sich für mich entscheidet. Für immer – im Prinzip. Das brauchte ich Dylan nicht erst zu erklären. ‚You know what’, sagte er. ‚Es gibt keine Sicherheit. Es gibt Glück und es gibt Unglück. Es gibt gute Bands auf diesem Festival und es gibt Scheiß-Bands. Das weiß ich. Dass es Liebe gibt, glaube ich nur. Weil es den Kummer gibt.’ Ich glaube, er hat ‚that fucking grief’ gesagt. ‚Aber es führt kein Weg an ihm vorbei. Feel it. And I promise you: There will be happy days. Till the end.’“

Dienstag, 10. Januar 2012

Sigmar Gabriel

Da sitzt er nun, regungslos. Auf Standby, kann man sagen. Vor ihm: die Meute. Wobei: Eine Meute kann man die Studierendenschaft von heute ja auch nicht mehr nennen. In meiner romantisierten Vorstellung hätte es an der Ruhr-Universität noch vor wenigen Jahren einen Häufchen Aktive gegeben, die sich als etwas linker als die SPD verstehen und den Besuch des Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel zum Anlass für eine Demonstration genommen hätten. Gegen Sozialabbau. Oder irgendwas mit Studienbedingungen. Aber selbst das ist heute ja wieder schwierig: Die SPD in ein eindeutiges Feindbild einzubetten. Damals, 1998, als Gerhard Schröder sich anschickte, Kanzler zu werden, da sind wir hin zum Parteitag in der Bochumer Ruhrlandhalle. Die Wahlplakate mit ihm und seinem staatsmännischen Grinsen hatten wir von den Laternenmasten gerissen und trugen sie hoch erhoben, aber falschherum hinein, um zu zeigen: Wir möchten ja schon, dass nach 16 Jahren Kohl mal etwas anderes kommt, deshalb tragen wir deine Rübe durch die Gegend. Aber wir sind skeptisch, ob du das wirklich besser machen wirst, Herr Schröder. Beweis das erst mal, dann drehen wir das Ding vielleicht herum.
Auf eine merkwürdige, kaum zu fassende Art, habe ich Gerhard Schröder dann doch gemocht. Die großen Reportagen der glücklichen Redakteure der Süddeutschen Zeitungen verschlungen, die mit ihm auf Staatsreisen gehen durften. Sie reagierten natürlich wie jahrzehnte geschlagene, geschundene Hunde, die man plötzlich wieder streichelt: Verzückt, nahezu überdreht freudvoll berichteten sie vom gemeinsamen Rotweintrinken im Flugzeug, Fußballspielen mit dem mexikanischen Präsidenten, dem kulturaffinen, offenen und freien Wesen der neuen Alpha-Männer.
Und nun, wo Alpha-Männer ein wenig aus der Mode geraten sind, sitzt da also Sigmar Gabriel vor den Studierenden der Ruhr-Universität. Brav warten sie auf den Sitzen, Treppenstufen, unter Tischen, Tafeln, begraben unter Jackenbergen und Kamerastativen. Der Raum ist so voll, dass er einem kubistischen Gemälde gleicht: Irreale Formen, unzusammenhängende Körperteile. Vorne Sigmar Gabriel als nasser Sack, der von einem älteren Typen mit Bart vollgequatscht wird, den die Insiderstudentinnen von unter der Tafel nur "Häkelmützchen" nennen. Weil er eine Häkelmütze trägt. Am Ende seines aus der Ferne unverständlichen Monologs überreicht er dem SPD-Vorsitzenden eine Klarsichthülle mit selbstgemalten Unterlagen. Sigmar Gabriel nimmt sie freundlich entgegen. Hier wundere ich mich das erste Mal: Der Politiker war mir bisher wenig, und wenn, dann eher negativ aufgefallen. In der Phase vor meiner Politikverdrossenheit, also während der Regierung Schröder, geisterte er als gescheiterter niedersächsischer Ministerpräsident durch die Medien, der den großen Gerhard natürlich nicht beerben konnte. Man schob ihm den Posten des "Popbeauftragten" der Bundesregierung zu. Absurd. Fast noch bescheuerter als Dieter Gorny. Damit war er für mich abgehakt. Und nun sitzt er hier nur wenige Zentimeter vor mir und ist nett zu einem Vollfreak mit Häkelmütze. Respektvoll. Bei seinem Vortrag bin ich dann völlig baff: Er ist redegewandt, schnell, witzig, selbstironisch, total reflektiert. Sieht das Ende des Marktradikalismus und Neoliberalismus, weil es so ja nun wirklich nicht weiter geht. Geld darf nicht mehr die Welt regieren. Er sieht das total ein, dass keiner mehr Vertrauen in Politiker hat. Nennt ein Beispiel, wo die eigene Partei Mist gebaut hat: Als sie sich im Wahlkampf deutlich gegen eine Erhöhung der Mehrwertsteuer ausgesprochen hat und sie dann in der großen Koalition mit der CDU prompt um drei Prozent erhöhte. O-Ton Gabriel: "Weil die Forderung der SPD nach null Prozent Erhöhung mit der der CDU nach zwei Prozent Erhöhung in der Summe natürlich drei Prozent ergab." Das gefällt hier allen. Auch seine Einschätzung, dass man als SPD-Mann vor 20 Jahren noch vor Arbeitern sprechen und als einer von ihnen anerkannt wurde. Heute würde man hingegen als Alien, als einer von denen da oben angesehen - weil man ja Politiker sei. Diese fast schonungslose Selbstreflektion und auf eine Art entwaffnende Ehrlichkeit macht etwas mit dem jungen Wissenschaftlernachwuchs: Im großen Hörsaal sind bald alle verliebt in Siggi. Selbst mir fällt es schwer, die journalistische Distanz zu wahren. Der Ringbuchblock ist voll begeisterter Adjektive, die ich jetzt glücklicherweise nicht mehr lesen kann, weil sie so emphatisch dahingeschmiert wurden. Nach der Aufforderung zur Diskussion hätten die Studierenden ihren neuen Lieblingspolitiker am liebsten nur noch wortlos in den Arm genommen. Ein bis vor wenigen Minuten noch neoliberaler Wirtschaftsstudent mit Anzug und Krawatte unternimmt den zögerlichen Versuch einer kritischen Nachfrage. Irgendwas mit Wettbewerbsverzerrung durch Mindestlohn. Doch ihm ist deutlich anzumerken, dass er ideologisch längst umgeschwenkt ist, bloß noch keine Worte für seine sozialdemokratische Gesinnung hat. Bereits der nächste in der Fragerunde spricht aus, was allen auf den Herzen brennt: "Wenn sie Kanzler würden..." Weiter kommt er gar nicht, weil tosender Applaus ausbricht. Ja, Sigmar Gabriel als Kanzler! Etwas schöneres ist kaum vorstellbar! Sogar Häkelmützchen wirkt jetzt ruhig und entspannt. Als er vor versammelter Mannschaft noch einmal das nervöse Wort erhebt, bestärkt der zukünftige Kanzler sein Versprechen, dass er sich um sein Rentenversicherungsproblem persönlich kümmern werde. Niemand hier, der das bezweifelte.

Samstag, 31. Dezember 2011

2011

Wenn ein Jahr zu Ende geht, hat man es gerne rund. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass ein Großteil der aufgeklärten Menschheit den Weltuntergang im nächsten Dezember für wahrscheinlich hält. Wir suchen einen Nenner, auf den wir das ganze Erinnerungsgerümpel aus guten wie aus schlechten Zeiten bringen können. Waren es in 2011 mehr gute als schlechte Zeiten? Frage ich mich selbst. Ich glaube: ja. Und bin dankbar. Vielleicht werde ich deshalb heute mal wieder beten. Das mache ich nämlich auch immer seltener. Beten ist ein bisschen wie meditieren, nur mit mehr Nachdenken, Reflektieren, ehrlich zu mir selber sein (was gar nicht so einfach ist, weil Selbst-Belügen leicht Gewohnheit wird). Manchmal tue ich unwillkürlich etwas ähnliches wie beten, morgens, während des Aufwachens oder direkt danach.

Heute, am 31. Dezember, maß ich dem besondere Bedeutung zu: Das Jahr wird schon bald ein für alle mal zu Ende sein und jeder heutige Gedanke ist ein Resümee. Und was kam mir in den Sinn? Tino Hanekamps "Sowas von da". Ein Roman über die eine, letzte, große Party vor Club-Abriss. Der Ich-Erzähler trägt stets Marc Aurels "Selbstbetrachtungen" mit sich und zitiert bisweilen daraus. Ich glaube, ich habe von beiden viel gelernt: Vom Ich-Erzähler und von Marc Aurel. Beide halten ein Ideal hoch: Wandlung, Veränderung anzunehmen. Der römische Kaiser drückte das vor fast zweitausend Jahren so aus:

"Alles entsteht durch Verwandlung und die Natur liebt nichts so sehr, als das Vorhandene umzumodeln und Neues von ähnlicher Art zu erzeugen. Jedes Einzelwesen ist gewissermaßen der Same eines zukünftigen, und es wäre eine große Beschränktheit, nur das als ein Samenkorn anzusehen, was in die Erde oder in den Mutterschoß geworfen wird."

Da mein Exemplar von "Sowas von da" momentan als Dauerleihgabe im Zimmer meines kleinen Bruders verschimmelt, kann ich nur ungefähr wiedergeben, was der Erzähler aus Passagen wie diesen lernt: Nicht festzuhalten, offenen Herzens sich den Metamorphosen des Lebens hingeben, das Geld aus der Kasse nehmen und irgendwo neu anfangen. Letzters habe ich in 2011 wohl nicht getan. Aber ich war zwischenzeitlich bereit dazu und vielleicht generell bereiter als früher. Bereiter. Das Wort gibt es doch garantiert nicht.

In meinem stillen Gebet fällt mir noch etwas ein: Gerade gestern noch habe ich "Sowas von da" einem Freund empfohlen. Als heilende Lektüre für seine angeschlagene Freundin (2011 übrigens auch: das Jahr der Depressionen). Der Buchhändler erklärte uns, dass er bis vor einer Stunde noch zwei Exemplare des Romans im Bestand gehabt hätte, die dann jedoch plötzlich weggekauft worden seien. Es muss also in der Luft liegen: Die Menschheit braucht dieses Buch zum Jahresende. "Wer hat es gekauft", fragt ich ihn, "Leute in unserem Alter?"
- "Naja, ich würde sagen, so Mitte Ende zwanzig"
- "Mitte Ende zwanzig", denke ich, "also ganz schön unverschämt, dass er nicht mit Ja geantwortet hat."

Aber vielleicht muss ich mich mit dieser Alters-Sache auch mal abfinden und endlich einen vollends abgerundeten und erwachsenen Charakter entwickeln. Mich beruhig, dass auch Marc Aurel das scheinbar nie geschafft hat. Tadelnd spricht er zu sich selbst:

"Noch immer bist du nicht ohne Falsch, nicht ohne Leidenschaft, nicht frei von dem Vorurteil, dass Äußeres dem Menschen schaden könne, nicht sanftmütig gegen jedermann und noch immer nicht überzeugt, dass Gerechtigkeit die einzig wahre Klugheit ist."

Amen.