Dienstag, 7. Juni 2016

Winnetou/Ullitou

Er schimmert metallisch-silbern, rostrot und gelb in der Nachmittagssonne, sein Inhalt scheint sich von den Ufern leicht nach oben zu wölben. Ein Quecksilbersee, denke ich, der Schatz im Quecksilbersee. Natürlich ist das nur ein Hirngespinst, geboren aus einem seltsamen Spiel der Lichtreflektionen auf dem Wasser. Das wird ja wohl Wasser sein, ein ganz normaler See. Aber wie soll ich mir sicher sein nach einer Reise, bei der sich Realität und Fiktion so sehr verschränkten? Das kroatische Tourismusbüro in Frankfurt hat Journalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz geladen, in Kroatien Original-Drehorte der Winnetou-Filme aus den 60er-Jahren zu besuchen. Nahe der Stadt Starigrad, an den Krka-Wasserfällen, an Schluchten und Felsenkämmen des Velebit-Gebirges.

Ich habe diese Filme im Fernsehen gesehen als ich ein Kind war und erinnere mich, dass meine Eltern und Großeltern dabei ein Leuchten in den Augen hatten. Ich erinnere mich, wie ich mindestens einen Winnetou-Teil bei dieser Familie in Dillenburg geschaut habe, die wir auf einer Freizeit bei den streng christlichen „Rufern“ im Harz kennen gelernt haben. Sie hatten einen blonden Jungen, der etwas jünger war als ich und mit dem ich vorher Cowboy und Cowboy (wer wollte schon Indianer sein?) an der Burgruine gespielt habe. Sein Vater schaute danach Winnetou mit uns und zelebrierte den Fernseh-Nachmittag wie eine Andacht. Heute macht das für mich Sinn: Pierre Brice in der Rolle des Indianer-Häuptlings ist natürlich auch eine Erlöser-Figur. Jesus im Federkleid. Wie ich mich selbst beim Schauen dieser Filme gefühlt habe, weiß ich nicht mehr genau. Vielleicht ist meine Generation schon zu spät dran gewesen für ihren Zauber. Ich glaube, ich war traurig, als Winnetou am Ende des dritten Teils starb und vor einer eindrucksvollen Gebirgs-Kulisse aufgebahrt lag. Hat Old Shatterhand an seiner Seite geweint? Oder diverse Frauen-Figuren? Meine Oma, die eigentlich nie geweint hat, sondern nach außen immer Härte und Abgeklärtheit demonstriert?

„Pierre Brice hatte tausend Frauen um sich“, erzählt Gordana Zeitz, die 1964 in einem Dorf nahe Starigrad gewohnt hat. 16-jährig wurde sie auf der Straße angesprochen und für die Dreharbeiten von „Old Shatterhand“ engagiert. Die dunkelhaarige Schönheit hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Daliah Lavi und sollte die Schauspielerin bei einem Sprung ins Wasser doubeln, an den Krka-Wasserfällen. Das war nicht ganz ungefährlich, deshalb testete ein richtiger Stuntman den Sprung und kam unverletzt wieder raus. Dass sie nackt springen sollte, erfuhr die heute 69-Jährige erst, als sie schon an der Stelle stand, wo der Fluss über den Abgrund stürzt, und strich notdürftig die Haare über ihre Brüste. Bei der ersten Aufführung des Films in Starigrad bat sie den Filmvorführer, die Szene rauszuschneiden. Netflix war noch nicht erfunden. Die Familie bekam es später trotzdem heraus und vom Bruder gab es eine schallende Ohrfeige. Von den Fans hingegen Nachruhm bis heute. „Pierre Brice wollte meine Hotel-Zimmernummer wissen“, erinnert sich Gordana an die Dreharbeiten. „Ich krieg sie schon raus“, sagte er, als sie sich zierte. Vor dem Schlafengehen schob sie Tische und Stühle vor die Tür, aber der französische Filmstar vergnügte sich offenbar eh lieber mit einer anderen.

Gordana erzählte uns diese Geschichte an den dunklen Natur-Holztischen in einem Biergarten des Krka-Nationalparks. Es ist ein wenig verrückt, sie im Kopf zu haben während Hella Brice, Pierres Witwe, oben im zugigen Velebit-Gebirge eine Gedenktafel für ihren 2015 verstorbenen Mann enthüllt: „Ich danke Gott“ beginnt sie ihre Ansprache. Sie dankt für die Zeit mit Pierre, dem Friedensstifter. Er, der die Menschen zusammenführen wollte, für den alle gleich waren: Ob dunkel- oder hellhäutig, stark oder schwach. Nicht nur seine Rolle war Jesus, er selbst war es offenbar auch. Aber vielleicht, denke ich, war ihm eine bestimmte Sorte Mensch aber doch ein bisschen gleicher: die jungen und weiblichen.

Mit dieser Sorte Zynismus dürfte ich Ulrich natürlich nicht kommen. Ulrich Wirsing, sein Team und seine Gäste sind die eigentliche Geschichte dieser Pressereise. Eine Geschichte, die gestandene Männer wie den Wiener Journalisten Axel Halbhuber (der von der Statur her mindestens eines Anderthalbhubers würdig wäre), fassungslos macht: „Ich kann das nicht mehr, ich muss hier raus, ich muss drüber redn.“ Mit diesen Worten verlässt Halbhuber die Filmvorführung der Winnetou-Fangemeinde, die sich in unserer Absteige, dem Bluesun Hotel Alan, versammelt hat, um ein Jubiläum zu feiern: 50 Jahre „Winnetou und das Halbblut Apanachi“. Seit 2012 treffen sie sich hier und begehen die Jubiläen der berühmten klassischen Karl-May-Verfilmungen des Produzenten Horst Wendlandt. Sie besuchen Drehorte, screenen die Streifen an besonders eindrucksvollen Natur-Schauplätzen und laden prominente Gäste ein: Pierre Brice war schon da, aber auch Stars vom Rang „Sohn des Kamera-Assistenten“.

Dieses Jahr will die Winnetou-Convention den Durchbruch schaffen, die Schallmauer von der Liebhaber-Veranstaltung zur Professionalität durchbrechen. Uschi Glas wird erwartet. Und Martin Böttcher, heute 89 Jahre alt, der die berühmte Filmmusik komponiert hat: Eine dicke Streicher-Sauce, die im Gehirn einfach kleben bleibt. Man ist ihr hilflos ausgeliefert. So wie wir Journalisten der Filmvorführung im nicht besonders charmanten Veranstaltungssaal des Bluesun Hotels. Darauf konnten wir uns nicht vorbereiten. Der Film ist eine 45-minütige „Dokumentation“ des Winnetou-Festes 2015. Rolf, der Medienmann im Team, hat sie selbst geschnitten und vertont. Sie zeigt die Fans beim Sektempfang am Pool und bei Location-Begehungen. In einer historischen Altstadt haben sie die Fassade einer Kneipe gefunden, vor der Lex Barker als Old Shatterhand in Schwierigkeiten gerät. Hier bietet Rolf seine ganze Kunst auf und verschneidet die Original-Kampfszene (gute Kontakte zum Filmverleih scheinen vorhanden) mit dem gegenwärtigen Bild. Und da erlaubt er sich sogar einen erratischen, selbstironischen Kommentar aus dem Off: „Fasziniert betrachten wir eine Kerbe im Stein, die auch im Film zu sehen ist. Wir sind schon ein verrückter Haufen, oder?“ Axel Halbhuber schaltet auf Schnappatmung.

In den nächsten Szenen sind die Gäste des Winnetou-Festes des vergangenen Jahres zu sehen: Der steinalte Rik Battaglia erscheint in einem etwas verbeulten Anzug, mit Stock, Hut und Sonnenbrille auf der Veranda einer Villa, die natürlich Drehort war. Applaus brandet auf. Und zwar nicht nur auf der Leinwand und über die Lautsprecher, sondern auch hier und jetzt, im Juni 2016 im Veranstaltungssaal des Bluesun Hotels. Sogar der Sohn des Kamera-Assistenten wird noch einmal nachträglich bestärkend beklatscht, als er in der Doku auf eben der Bühne sitzt, auf der jetzt der Digital-Film läuft, und eine alte Film-Rolle in den Händen bewegt: „Wir musste aufpassen, dass sie sich vor dem Belichten nicht entrollt“, sagt der Nachgeborene bedeutend. „Das ist Shakespeare“, sinniere ich später beim Reflexions-Bier am Pool in Richtung Axel Halbhubers. „Das ist Shakespeare“, wiederholt er zustimmend. „Sie haben ja nicht nur die Gäste vom letzten Jahr beklatscht. Im Film waren sogar Ausschnitte des Dokumentarfilms zu sehen, der letztes Jahr gezeigt wurde.“ –„Der war aber auch toll“, entgegne ich begeistert, „es gab Original-Ausschnitte aus den Dreharbeiten zu sehen.“

Halbhuber fummelt wild an seinem Handy herum. „Ich muss etwas über diesen Ulrich Wirsing erfahren!“ Aus der Doku über die letztjährige Convention wissen wir, dass Ulrich ein selbstgesticktes Winnetou-Kostüm in den Originalmaßen besitzt. Darin hat er sich am Original-Schauplatz auf die Original-Totenbahre gelegt und alle 120 Winnetou-Fans aus zwölf Nationen durften einmal original wie Lex Barker daneben stehen und ein Foto machen. Auf mich wirkte das wie eine quasi religiöse Szene. Doch wer wird hier in erster Linie verehrt? Eine fiktive Figur? Ein Frieden stiftender Indianer, den ein Mann erdacht hat, der in seinem Leben niemals in Amerika war? Oder sein Nachahmer Ulrich Wirsing, der in den Augen mancher vielleicht zum charismatischen Anführer einer Bewegung taugt? Der 52-Jährige ist immerhin im Besitz von Reliquien: Durch seinen guten Kontakt zu Hella Brice kam er zum Beispiel an die Lieblingsjacke ihres Mannes. „Auf meine Bitte hin hat sie sie noch eine Nacht in Pierres Pariser Zimmer gehängt“, wird er uns später im Interview erzählen.

„Ullitou!“, ruft Halbhuber aus und erstickt an einem Lachanfall. „Schau dir das an!“ Er zeigt mir sein Display und ich sehe ein Foto, das einer berühmten Aufnahme von Pierre Brice als Winnetou nachempfunden ist. Nur, dass hier eben Ulrich Wirsing Indianer-Perücke und Leder-Kluft trägt und etwas verkniffen in eine unbestimmte Ferne blickt. „Nicht zu fassen“, sage ich schwer beeindruckt. Und beobachte aus den Augenwinkeln wie sich am Nebentisch ein Mann erhebt. Er kommt auf uns zu. „Sind sie die Journalisten?“, fragt er wissend. „Wir sind Journalisten“, antwortet Halbhuber nach Luft ringend. „Ich bin Sandro“, stellt der Fremde sich vor, „vielleicht haben Sie mich gerade im Film gesehen.“ –„Ja, Sie sind der Mitorganisator!“, ruft Halbhuber erfreut aus. „Ich war der Mitorganisator“, sagt Sandro. „Man hat mich gerade des Saals verwiesen.“ Blutsbrüder seien Ulrich und er gewesen. Sie haben sich wirklich vor Jahren die Haut aufgeschlitzt – die Organisation kultischer Fest schweißt offenbar wortwörtlich zusammen. „Im Laufe des letzten Jahres waren wir uns uneinig“, erzählt Sandro gespielt nüchtern, „über die Richtung, die das Ganze nehmen soll.“ –

„Sandro wollte nicht, dass das Fest auf eine ganze Woche ausgeweitet wird“, erzählt uns Ulrich Wirsing später beim Interview. Der neue Mitorganisator Marc, der sicher mal Türsteher war, geht harsch dazwischen und wechselt das Thema. Das ist Shakespeare, denke ich, als mir die Szene in der Maschine nach Hause wieder einfällt – und blicke auf den Quecksilbersee. Der ist eher Isaac Asimov. Back to the future, ist mir irgendwie auch lieber.

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Made my 2015 (unter anderem)

The Decemberists im Doornroosje, Nijmegen
Keith Jarrett im Rolling Stone
Pommes in Brüssel
McCoy Tyners Atlantis
John Coltranes Favorite Things
Sisters
Brothers
Familie überhaupt
Alte Freunde
Neue Freunde
Herrenrunden
Müsli-Texte
Das Blonde-haired Girl
Der pakistanische Comedian-Taxi-Fahrer in London
Gärten in Südengland (Supertipp: Great Comb)
Reiten und Rumfahren in Colorado
Moab, Utah
USA! USA!
Basti- und Sebastiane (sowie Herr Schröder)
Moondog
Der phantastische Moondog-Chor
Die Wohnung des Trimba-Spielers
Stille Tage auf Helgoländ
Musikalische Tage in Schwerte
Tschick Vorlesen im Schneiderinnen-Atelier, L.A.
Die Band!
Karl-Ove Knausgard
Sufjan Stevens
Erlend Oye (immer noch)
The Haldern-Family
Laura Marling (Supertipp: „Gurdjieff’s Daughter“)
Bergneustadt
Berlin (Danke FranzieAnnaHannahLisa!)
Schnorcheln auf El Hierro
Schnarchen in Wien
Tolle Redakteure
Kunst gucken
Songs & Lyrics
Der berühmte (Ex-)Ruhr-Nachrichtler-Treffitreff
Fritz-Wortelmann-Preis
Schichten im Eden
Die Wiederentdeckung der Goldkante
Was für ein süßer Welpe!
Whisky
Whiskey
Goldberg-Variationen
Ryan Adams: "Bad Blood"
Michael aus Uganda
Das letzte Heilig-Abendmahl bei Oma (sad but beautiful)
Der beste Physiotherapist der Welt
Kurdische Aleviten
Auftreten bei Paul
Auftreten im Mandragora
Im Stillen Danke sagen

Montag, 17. August 2015

Haldern 2015: Das Alter und der Tod

Liebster Gott, wann werd ich sterben? Mit dieser Frage beginnt das Collegium Vocale Gent sein Konzert mit Bach-Kantaten in der Jahrhunderthalle Bochum. Die Worte geistern durch die Stimmen und es klingt wie ein Fallen, Sinken, den Halt, den Boden verlieren. Ich bin beeindruckt – auch wegen der Koinzidenz: Das Konzert gehört zum Programm des Hochkultur-Festivals Ruhrtriennale und ich besuche es kurz nach der Rückkehr vom Popfestival im niederrheinischen Dorf Haldern. Wenn ich mich hier in der Jahrhunderthalle umschaue, gibt es kaum einen Grund, eine Ähnlichkeit zwischen den Veranstaltungen zu erkennen, die sich beide Festival nennen. Doch da ist sogar eine sehr frappierende: Beide haben Bach-Kantaten in ihrem Programm, beide stellen mit dem barocken Meister die Frage nach dem Tod. Nur die Antworten fallen unterschiedlich aus.

Wenn ich mich in der Jahrhunderthalle umschaue, sehe ich viele Menschen, die dem Thema Tod näher sein müssten als ich. Sie waren mal Professoren, Lehrer, hatten hohe Positionen in Unternehmen, Gewerkschaften, in der Politik oder im Kulturbetrieb und verbringen nun ihre restliche Zeit in Theatern, Philharmonien, Industriekultur-Kathedralen, guten Restaurants... In Haldern wird ein Großteil der Menschen erst noch – oder überlegt, etwas zu werden. In den meisten Berufen stimmt ja die Work-Life-Balance überhaupt nicht und es ist besser, sie nicht zu ergreifen. Also lieber einfach mal den Kopf ausschalten und genießen: Die Musik, die Atmosphäre auf dem Camping-Platz, die Menschen, das Dorf. Ein Freund und Lehrmeister hat mir einmal gesagt: Was willst du im Leben anderes erreichen, als den Sand, der dir aus deiner Sanduhr rieselt, ein bisschen bunt anzumalen?

Ich bin jetzt 35 Jahre alt und habe Angst, dass der Sand-Haufen am Ende einen Braunstich hat. Ich will neue Erfahrungen und vielleicht gibt ja sogar das Haldern noch welche her. Ich komme seit zwölf Jahren, der Besuch ist eine der größten Konstanten in meinem Leben. Donnerstagmorgen hole ich zwei Freundinnen aus Wien vom Bahnhof ab, die seit Jahren zu unserer Festival-Familie gehören. Marthas hat sich die blonden Haare schwarz gefärbt und ist noch schweigsamer als sonst. Sie wird bald 30, shock and awe. Ihre spärlichen Sätze klingen, als hätten sie einen weiten Weg aus dem tiefsten Inneren zurückgelegt, in das sie sich zurückgezogen hat, um nachzudenken: Was bedeutet das alles?

Als wir auf dem Festival-Gelände ankommen, ist es immer noch früh. Kurz nach Sonnenaufgang, schließlich wollen wir einen guten Platz ergattern. Trotzdem sind die anderen schon da. Wir fallen uns in die Arme wie Kriegsheimkehrer ihren Angehörigen und nach und nach fallen mir kleine Veränderungen auf: Die windschiefen Plastik-Pavillons wurden durch eine stabilere, edlere, stoffbespannte Version ersetzt. Lampions, Lichterketten und grüne Leuchtäpfel liegen zur Deko bereit. Auf dem Campingtisch steht eine Kochplatte. Den Ankerpunkt für unsere kleine Zeltstadt bildet dieses Jahr erstmals ein Wohnwagen. Stefan sitzt gerade davor und packt eine kleine Toilette aus, die er drinnen installieren will. Nie wieder Dixie-Klo. Zusammen mit seiner Ehefrau Linda hat er sich den Wohnwagen angeschafft, damit komfortables Campen mit Tochter Carla möglich ist. Sie ist jetzt neun Monate alt und hangelt sich an Hockern und Campingstühlen entlang über die Wiese. Mit ihren Augen kann ich die Haldern-Welt neu entdecken, erhoffe ich mir.

Am Ende des Maisfelds, das die nördliche Begrenzung des Campingplatzes bildet, hat ein Bauer einen Getränkestand aufgestellt und bietet Frühstück an. Die Festivalbesucher verweilen hier oder spazieren durch seinen Hof, um ins Dorf zu gelangen. Vorbei an Ställen und großzügigen Weiden, auf denen offenbar glückliche Kühe grasen oder sich gegenseitig die Fliegen vom Fell lecken. Der Weg macht ein paar Kurven und an der schmalen Landstraße angekommen laufen wir der Sonne entgegen. Sie scheint sanft durch die Zweige der Bäume, die der Straße einen Alleecharakter verleihen. „Die Sonne ist ja auch nur ein mittelgroßer Stern irgendwo am Rand der Milchstraße, einer von 50 Milliarden Galaxien…“, sage ich. Seit ich Stephen Hawkings „Kurze Geschichte der Zeit“ gelesen habe, liegen alles relativierende Gedanken wie dieser oft wie ein Basso Continuo unter allen anderen. Vielleicht, weil ich denke, dass sie gegen die Angst vor dem Tod helfen. Und vielleicht habe ich ihn ausgesprochen, weil ich denke, dass er Martha helfen könnte, die weiter schweigsam auf unser Ziel zugeht: Die Kirche.

Die katholische Kirche St. Georg hat eine erstaunliche Größe, dafür, dass in Haldern nur rund 5000 Menschen leben. Noch erstaunlicher ist, dass sie aus allen Nähten platzt, obwohl jetzt weder Popstar noch ein Popsternchen oder Newcomer, von dem gerade alle reden, auftritt, sondern ein Berliner Vokalensemble: Cantus Domus. Die Sängerinnen und Sänger verteilen sich im weiten Kirchenraum, indem sie über Beine, Arme und Köpfe junger Menschen steigen, die es sich auf dem kühlenden Boden gemütlich gemacht haben. Als sie nach einigen Bach-Liedern und –bearbeitungen Knut Nystedts „Immortal Bach“ anstimmen, bin ich wie ausgeknockt. „Komm, süßer Tod / Komm, selge Ruh“ – es sind nur zwei Zeilen des Bach-Lieds, die Nystedt den Chor singen lässt. Doch die verschiedenen Stimmen dehnen und halten die Silben und Töne an unterschiedlichen Stellen, es kommt zu Verschiebungen in Rhythmus und Harmonie, zu spannungsvollen Dissonanzen. Der Chor singt so beeindruckend präzise! Kaum zu glauben, welch tiefe Emotionen menschliche Stimmen allein herauf beschwören können! Scheiß auf Gitarren, ich habe hier und jetzt eine Gänsehaut.

Und dann dieser Text: „Komm, süßer Tod.“ Wie viel Hawking, wie viel buddhistische Literatur muss ich noch lesen, um das freien Herzens sagen zu können, ohne Angst? Vor kurzem kam mir der Gedanken, eine Rückführung auszuprobieren, also eine geführte Hypnose, die frühere Leben gegenwärtigen soll. Wenn das glaubhaft funktioniert, hätte ich zumindest einen begründeten Anlass, auf Wiedergeburt zu hoffen. Ich finde den Gedanken daran tröstlich. Wir wären dann wieder hier und nicht einfach weg oder in der Hölle oder auf Kepler 452b.

„Habt ihr eigentlich manchmal Angst vor dem Tod“, frage ich abends beim Lagerfeuer, als kurz Stille aufkommt. „Mein Gott, Max, du brauchst mehr Alkohol“, sagt Stefan und reicht mir den Pfefferminz-Likör herüber. Nicht den Nordbrand mit 18 Prozent, sondern den unbezeichneten in der kleinen Ampulle, die ein bisschen nach Asterix’ Zaubertrank aussieht. Das Zeug hat 50 Prozent und bald verliere ich mein Thema aus dem Sinn.

Die Nachbarn drehen wieder auf: Sie haben einen Generator mitgebracht, mit dem sie Strom für eine Licht- und Sound-Anlage produzieren, die für eine mittlere Großraumdiskothek reichen würde. Neben der Lautstärke gibt es ein weiteres Problem: Sie spielen keinen Indie-Pop, was dem Charakter des Festivals ja durchaus entsprechen würde. Sie spielen stumpfen Techno und House. Es ist sechs Uhr morgens und Andrea platzt endgültig der Kragen. Sie läuft rüber und redet sich in Rage: Niemand könne bei diesem Lärm ein Auge zumachen, geschweige denn eigene Musik hören oder sich unterhalten. Die Partyjungs sind natürlich schon vollkommen besoffen und murmeln irgendwas von „Die Alte hat sicher schon lange keinen Sex mehr gehabt.“ Ein Festival-Ordner steht tatenlos daneben, obwohl Generatoren und große Anlagen auf dem Camping-Platz klar untersagt sind.

Ich habe überhaupt keine Ahnung, wie ich mich zu dieser Szene verhalten soll. Einerseits tut mir Andrea leid, die so eine Wut empfindet auf einem Festival, an dem auch für sie so viele schöne Erinnerungen hängen. Ich kann ihre Wut verstehen und nachfühlen. Es ist übergriffig und unverschämt, den ganzen Zeltplatz derart laut zu beschallen, dass niemand sich mehr eine eigene akustische Umwelt schaffen kann. Früher haben wir ganze Nächte lang zusammengesessen und die Gitarre kreisen lassen. Andererseits ist das hier eben ein Festival – und soweit ich mich erinnere, habe ich auf Festivals selten in Ruhe geschlafen. Stillstand ist der Tot – vielleicht denken oder fühlen die jungen Leute da drüben so was in der Art. Vielleicht ist Stillstand dieses Wochenende für sie die Abwesenheit von lauter Musik – und das Haldern hat eben keine After-Show-Party. Vielleicht sind wir einfach zu alt, um das zu verstehen. Vielleicht haben wir uns mit dem kommenden Stillstand schon angefreundet.

Es ist ein durchwachsenes Haldern dieses Jahr, man kann das nicht anders sagen. Auch, wenn die Gitarre in der zweiten Nacht doch noch kreist und der Pfefferminzlikör halbwegs leer wird und jeder wenigstens ein Konzert hört, das ihn begeistert, bleibt eine gewisse Lethargie. Eine leichte Schwermut, die sich nur in Carlas Anwesenheit komplett verzieht. Die Kleine sitzt auf ihrer Decke und ist umgeben von Duplo-Steinen, die sie kaum interessieren. Viel interessanter findet sie, womit wir umgehen: Die Plastikflasche oder den Faltplan mit dem Timetable, den wir alle paar Minuten ausbreiten, weil wir schon wieder vergessen haben, wer heute noch alles spielen wird. Clara betrachtet die Dinge mit weit aufgerissenen, neugierigen Augen. „Soll sie mal eine große Musikerin werden?“, frage ich Linda, während von der Hauptbühne die Töne des nächsten Soundchecks herüberwummern. „Vielleicht“, sagt Linda. „Oder doch Managerin eines großen Konzerns?“, hake ich nach – keine Ahnung, warum. Linda denkt nach: „Vielleicht soll sie auch einfach glücklich werden. Oder bleiben.“

Eigentlich wäre das ein schöner Schlusssatz, aber damit dieser Eintrag auch ja genauso durchwachsen wird, wie das Haldern-Gefühl 2015, muss ich noch von zwei Konzerten erzählen: Family of the Year haben bei mir ein ähnliches Gefühl ausgelöst, wie der Umgang mit Clara. Eine selbstvergessene Leichtigkeit. Ich denke, das macht das Leben in L.A.. Ich habe davon in verschiedenen Interviews gelesen und in dem tollen Buch „Stille Tage in L.A.“ von Severin Winzenburg. Selbst wenn die Band singt „I live my life and don’t die, cause everything dies“, dann klingt das nicht wie ein verzweifeltes Verneinen unschöner Tatsachen, sondern wie sonnendurchflutete Gewissheit.

Und dann Laura Marling, mein Konzert des Festivals: Sie klingt als hätte sie sämtliche Häutungen, für die Menschen wie Bob Dylan oder David Bowie ein ganzes Künstlerleben brauchen, in ihren 25 Jahren durchgemacht. Sie ist keine Protagonistin im Folk-Revival mehr, sie spielt mit einem unvergleichlichen Ausdruck und einer unfassbaren Ausstrahlung in einem eigenen Universum. Sie klingt so weltweise wie Joni Mitchell in späteren Jahren. Sie spielt offene Stimmungen und offene Akkorde und hat den Mut, sie bis zum Ende eines Songs nicht aufzulösen. Es ist eben alles nicht so einfach: Werden, Vergehen, Altern… im Regen tanzen ohne sich zu erkälten. Aber einen Versuch ist es wert.

Montag, 11. August 2014

Haldern 2014: Broken Pieces

Draußen fliegen Leitplanken und Lkws vorbei, drinnen zerbröselt mein trockenes Käsebrötchen. Die Krümel sind überall. Nie wieder Billig-Bäcker! Ich schaue an mir runter, wische Krümel von Hemd und Hose und komme von der Spur ab. Wieso ist Brötchenessen am Steuer erlaubt, aber Telefonieren nicht? Scheint mir viel gefährlicher. Tief durchatmen. Die Krümel erinnern mich an etwas, eine Szene aus „Just Kids“. Ich habe Patti Smiths’ Buch über ihre Beziehung zu Robert Mapplethorpe nie gelesen, aber Freunde haben mir Szenen daraus erzählt. Zum Beispiel die, in der Robert Mapplethorpe bei einem Spaziergang plötzlich stehen bleibt und sich in der Betrachtung eines zersprungenen Kirchenfensters verliert. Er beugt sich zu den Scherben am Boden und fängt vorsichtig an, sie nach Größe und Farben zu sortieren und neu zusammenzusetzen. Patti Smith schreibt, dass sie das Bild dieser in der Sonne schimmernden Farben-Collage, die ich mir ein bisschen wie Gerhard Richters Fenster im Kölner Dom vorstelle, bis heute in ihrer Erinnerung bewahre. Bei Robert Mapplethorpes Tod blitzte es auf und sie fragte sich, ob sie in der Lage sein würde, ihr in Scherben liegendes Ich neu zusammenzusetzen - „to face the future and stand the past“. Ich fragte mich, ob sich die trockenen Krümel in meinem Auto vielleicht zu einem saftigen Stück Kuchen zusammensetzen lassen würden – und wann endlich dies latent depressive Ich zerfallen würde, das ich seit dem Herbst mit mir herumtrage. Nächste Ausfahrt: Haldern Pop Festival.

Seit einigen Jahren treffen wir auf dem Haldern Pop liebe Menschen aus Österreich, die gute Freunde und Vorbilder geworden sind. Sie saufen vorbildlich, weil kultiviert: Schwechater und Otterkringer sind viel besser als unser Pils und der „Spritzer“ wird mit gutem burgenländischem Wein gefertigt, von dem sie gleich 36 Flaschen gekauft haben, damit es nicht zu Engpässen kommt. Eine Abordnung kauft jeden Morgen eine Auswahl internationaler Tageszeitungen, alle arbeiten sie akribisch durch und diskutieren anschließend weltpolitische Entwicklungen und das Feuilleton im Vergleich. Nachts singen sie voller Inbrunst zur Gitarre am Lagerfeuer – hintersinnige Austropop-Schlager und feinen Folk von Neil Young oder den Toten Hosen („Bayern“). Mira und Sibylle aus Wien, die oft gedankenverloren unbekannte Punkte in der Ferne fixieren, lehren mich, dass es lohnend ist, unsere heimelige Ecke auf dem Zeltplatz dann und wann zu verlassen und in die örtliche Kirche zu spazieren. Hier finden seit einigen Jahren Konzerte im Festivalprogramm statt, die das Publikum in großer Aufmerksamkeit und Andacht verfolgt.

Die schwangere Linda hat eine Pipi-Train eingerichtet, das heißt, dass man sie zu regelmäßigen Abfahrtszeiten zur Toilette begleiten darf. Ich nutze die Gelegenheit um 18.12 Uhr und bewundere Linda, dass sie zwei Monate vor ihrem Geburtstermin noch mit auf das Festival gekommen ist: „Ich habe eine ganz tolle Schlafwurst und habe damit lange nicht mehr so gut gelegen wie hier auf der Luftmatratze“, sagt sie. „Wie kriegen wir das denn hin, dass der Kleine nächstes Jahr mitkommt?“, frage ich. „Wir setzen ihm gleich nach der Geburt Kopfhörer auf“, sagt Linda. -„Warum?“ –„Weil er die später als Lärmschutz vor der Bühne tragen muss.“ Ich stelle mir den kleinen Kopfhörer-Zwerg vor und drehe kurz vor den Dixieklos schmunzelnd in Richtung Dorfkirche ab.

Im hohen Gewölbe ist es voll und überraschend fast heißer und schwüler als draußen. Die Leute sind unruhig, während Hüsker-Dü-Legende Grant Hart sich an Kontemplation versucht. Ein Kammerorchester mit Namen Stargaze untermalt seine Songs im Scott-Walker-Stil, intensive, opernhafte Kleinode. Der Gesang changiert zwischen Tuscheskizze und fetten Ölschinken. Manche Stücke sind avantgardistische Klangcollagen und klingen wie zerborstene Kirchenfenster auf einem Boden aus Publikumsgemurmel. Irgendwann bricht Grant Hart einen Song ab: „Ich weiß nicht, ob einige hier vielleicht auf ein anderes Konzert warten“, sagt er, „aber dann sollten sie es lieber draußen tun. Ich brauche etwas Konzentration für das, was ich hier tue.“ Große Teile des Publikums bestärken ihn mit Applaus, doch der Auftritt bleibt schwer fassbar aus dem Takt geraten.

Später am Abend spaziere ich zurück zum Zeltplatz vorbei an Wiesen und Feldern, Kuhweiden und Bauernhöfen, Ställen, aus denen Musik dringt – Melk-Musik. Hinter einem schiefen Haldern-Ortsschild blitzt die Sonne hervor. Die Schönheit dieses Ortes ist überwältigend, aber seit Grant Harts Konzert in der Kirche zweifle ich generell am Konzept Musik-Festival: Schwindet im Überangebot automatisch die Aufmerksamkeit für den einzelnen Künstler? Werden die Leute mir auch in heiß ersehnten Auftritt von Sun Kil Moon reinquatschen? Werden sie Patti Smith als mehr sehen, als das Relikt einer vergangenen Zeit? Als ich das letzte Feld vor dem Zeltplatz erreiche, kann ich es kaum glauben: Wie vor elf Jahren, als sie schon einmal in Haldern gespielt hat, wandelt mir Patti Smith entgegen. Ihre graublonde Mähne schimmert in der Sonne leuchtend weiß. Sie flaniert durch das abgemähte Korn und scheint alle Zeit der Welt zu haben. Ich nehme mir ein Herz und sage: „Good Evening.“

„Hello my friend“, antwortet Patti Smith und es klingt echt, warm und freundlich. Ich nehme Hut und Sonnenbrille ab und sie muss kurz lachen über diese altmodische Geste der Höflichkeit. Obwohl ich in den vergangenen Jahren immer mal wieder berühmte Menschen interviewt habe, bin ich jetzt unsicher. Ich weiß wenig über Patti Smith, habe eher Bilder als Fakten im Kopf: Die Albumcover von „Horses“ und „Wave“, ein Foto mit verwuschelten Haaren hippieesken Steinketten und nackten Brüsten. Etwas an dieser Begegnung erinnert mich an die mit Bob Dylan vor zwei Jahren ein paar Meter weiter: Meine Unsicherheit ist mir nicht unangenehm. Ich glaube, das Patti Smith sie spürt genau wie Bob Dylan sie gespürt hat. Ich glaube, dass sie alles weiß, mein Innerstes kennt, dass ich vor ihr nicht falsch sein muss oder mich selbst belügen. Ein bisschen sind diese Stars so wie ich mir Gott vorstelle. Nach einer wahrscheinlich nur gefühlt langen Phase des Schweigens, sagt Patti Smith selbst etwas: „You know these fields?“, fragt sie und zieht mit der Hand einen weiten Bogen hinter sich. Ich fahre zwar seit elf Jahren auf das Haldern-Festival und betrachte es als eine zweite, oder vielleicht sogar erste, Heimat, trotzdem war ich nie in den Feldern spazieren.

„I've been walking around for hours“, sagt sie, „it’s so beautiful.“ Ich wundere mich, dass sie die Zeit für lange Spaziergänge findet. Ich dachte, man würde als Rockstar viel Zeit im Backstage-Bereich und mit der Band verbringen müssen, abhängen, reden und trinken. „Es ist gerade auf Tour wahnsinnig wichtig“, erklärt mir Patti Smith, „dass man sich Zeit für sich nimmt. Man lebt wie in einer Blase, wird an den Auftrittsorten hofiert, verehrt. Aber nach Jahren weiß man, dass die Leere nach einem Auftritt, nach Plattenaufnahmen, Interviews oder Partys umso größer ist, die Löcher größer und schwärzer. Du entdeckst Seiten an dir, die dir unbekannt waren, die dir eine Heidenangst machen. Du denkst den Tod als Rettungsanker.“ Patti Smith fixiert jetzt gedankenverloren einen unbekannten Punkt in der Ferne und ich bin sprachlos. Von der Schönheit der Felder ist sie sehr schnell auf depressive Zustände und Todessehnsucht zu sprechen gekommen. Aber ich verstehe gut, was sie meint. So wie man sich als Rockstar vielleicht von Auftritt zu Auftritt hangelt, hangele ich mich von einem besonderen Ereignis zum nächsten. Ein Urlaub, ein Festival, ein tolles Konzert, eine Party. Ich glaube, viele Menschen sind heute so. Ihr Glück liegt nicht im Alltag, sondern in der Ausnahme.

„Ich wollte dich nicht verstören“, sagt Patti Smith. „Und ich komme auch nur drauf, weil ich dort hinten in diesem kleinen Buchenhain gerade meinen alten Freund Grant Hart getroffen habe. Er hat mir von seinem Auftritt in der Kirche erzählt. Er fühlte dort, was er lange nicht gefühlt hat: Diese Sehnsucht nach Anerkennung und die tiefen Zweifel, ob das, was man tut, eine Relevanz hat, einen Ort in dieser Welt. Ich frage mich das auch dann und wann. Ich frage mich, ob ich meine Berechtigung für große Bühnenauftritte nur noch habe, weil ich das zwar gealterte, aber das Bild von damals bin. Hast du Conor Oberst gesehen?“ Ich nicke und glaube zu wissen, auf welche Szene Patti Smith anspielt: Conor Oberst sagte auf der Bühne, man habe ihm erzählt, dass er vor elf Jahren schon hier gespielt hat. Jetzt sei er alt, fett, „out of shape“, aber wir würden schon irgendwie klar kommen damit. Er traf damit den Kern von Überlegungen, die ich seit einiger Zeit anstellte: Erlischt die Zugangsberechtigung für bestimmte Bereiche unserer Welt, wenn man ein gewisses Alter überschreitet? Wie überlebt man als Teil der Popkultur, wenn man nicht jung und cool ist? Wie kann ein interessantes Konzept aussehen für ein Leben jenseits der 40? Vielleicht wie das von Mark Kozelek. Der Mann hinter Sun Kil Moon stand bei seinem Auftritt im Halderner Spiegelzelt irgendwann aus dem sicheren Sitz am linken Bühnenrand auf, legte die Gitarre weg und präsentierte einen Hängebauch unterm Doppelkinn: „Conor Oberst hat gesagt, er wäre out of shape. Was soll ich denn sagen?“, fragte er und das ganze Zelt lachte. Zwei Minuten später schossen den Menschen bei „I Can’t Live Without My Mothers Love“ Tränen aus den Augen. Was für ein Wechselbad der Gefühle. Ich habe so etwas noch nie erlebt.

„Grant Hart begleitet mich später bei meinem Auftritt“, sagt Patti Smith. „Wir werden natürlich die alten Sachen spielen, ‚Because The Night’, ‚Gloria’, ‚Horses’. Ich werde für Jerry Garcia spielen, für Lou Reed und Johnny Winter, für Grant und mich selbst. Ich weiß nicht, ob wir diesen Zustand je erreichen werden, dass uns unser Alter egal ist und wie das Publikum reagiert. Wir werden immer wieder in Scherben liegen und uns neu zusammensetzen. Aber das ist okay.“ Sie legt mir ihre Hand auf die Brust, irgendwo zwischen Schulter und Herz, und ich wage nicht, zu sprechen. Mir fällt auf, dass ich nach meinem Guten-Abend-Gruß überhaupt nichts mehr gesagt habe. Aber das macht nichts. Ich spüre der Energie nach, die da fließt. Einer Energie, die ich zuletzt gespürt habe, als ich Salingers „Seymour, eine Einführung“ las. Eine Kraft, die eine Zeitlang Scherben neu zusammenfügen und zusammenhalten kann. Zurück am Zeltplatz finde ich Mira, die über dem Zeit-Feuilleton eingeschlafen ist. Ich wecke sie, damit wir in die Sterne schauen und über Sun Kil Moon sprechen können.

Achtung: Die Einträge auf Der Goldene Westen können hohe fiktive Anteile enthalten.
Foto: Sebastian Schwappacher

Mittwoch, 7. Mai 2014

Alkohol, Sex und Politiks (Thailand-Fragmente, Teil zwei)

Jo ruft „Right“, „Left“, „Motorcycle“ oder „Bam“ – letzteres scheint einen Hubbel auf der Straße zu bedeuten, einen Haufen Teer, den die Thai-Chinesen über Kabel-, Wasser- oder Sonstwasleitungen schütten. Jo ist ein neuer Guide für den Bangkok-Teil meiner Pressereise und wie Top oder Diamon hat er in Wirklichkeit einen viel längeren Namen, den wir nicht lernen dürfen, weil er zu schwierig ist. Auf den Visitenkarten, die hier immer gleich zur Stelle sind, erinnern diese Namen manchmal an die finnische Sprache: Athitaya Sangrattanatongkum zum Beispiel, die aber nur Ploy genannt wird. Schön, dass sich jetzt bereits das Wort „finnisch“ in den Text gearbeitet hat – es wird am Ende wieder auftauchen und eine elegante Klammer bilden, die im besten Fall wie gewollt wirkt. Aber zurück zu Jo: Er ist unser Fahrradguide und obwohl deutschen Journalisten normalerweise nicht viel zugetraut wird, legt er ein ganz schönes Tempo vor. Wir rasen durch Chinatown. Durch engste Gassen, oft nicht vielmehr als zwei Meter breit, in denen neben Fußgängern auch Mopeds unterwegs sind. Überall Stände mit undefinierbarem, buntem Plastikkram, billigen Schuhen und Handtaschen, viel gefälschtes oder nachgemachtes Zeug. Flip Flops für 150 Baht, die nach zwei Tagen zu Staub zerfallen. Es dampft und brodelt und zischt, man kocht, brät, grillt, frittiert, schält Mangos oder öffnet die stachelige Stinkfrucht, die gerade Saison hat. Die Gerüche vermischen sich mit den Ausdünstungen der Kanalisation, die hier wie der elektrische Strom in seinen Kabeln oft an der Oberfläche fließt. Es ist schwül und es ist heiß, Jo guided seinen Rattenschwanz aus Trekking-Bikes mit knackenden Tretlagern durch Hinterhöfe und unter Brücken und sonstigen Betonungetümen hindurch. Wir sehen kleine Zimmer, in denen Menschen ruhen oder arbeiten oder mit ihren Kindern spielen, die gerade große Ferien haben, denn es ist Sommer in Thailand. In der grauen Betonlandschaft lauert eine ganze Palette an „Sehenswürdigkeiten“: Verrostetes Spielgerät hinter Zäunen ergibt einen Spielplatz, mit Gummi ausgekleidete Zwinger eine Thaibox-Arena (der beliebteste Sport hier) und Hütten aus Wellblech und sonstigen Fundstücken die Behausungen für die Ärmsten der Armen. Nach der Besichtigung des Tempel of Dawn, wo sie alle für ein bisschen Seelenheil zusammenkommen, Kinder und Eltern, Thaiboxer, Arme (achnee, die können sich den Eintritt nicht leisten) und Touristen, gehen wir die letzten Meter zu Fuß. Der Schweiß rinnt mir von der Stirn, ich habe genug vom chaotischen Sound dieser verrückten Stadt und lege mir Peter Gabriels auf die Ohren: „All of the buildings / All of those cars / Were once just a dream / In somebody‘s head“, singt er in „Mercy Street“. Ich denke an König Chulalongkorn (Rama V.), der im Bangkok der Wasserverkehrswege zuerst den Traum von der Motorisierung geträumt und ihn schließlich umgesetzt hat – und daran, wie alles mit allem zu tun hat, sogar und ganz besonders mit Peter Gabriel. Von links spritzt Fett auf meinen Arm, rechts streckt mir ein Bettler seine Hände entgegen: sie sind von Ekzemen übersät und alle Finger fehlen. Auf einmal stehen wir in einem stylischen Foyer und eine hübsche Frau drückt mir ein duftendes Armband aus Jasminblüten in die Hand. Ich habe in der Reizüberflutung wohl die Information verpasst, dass unsere Journalistengruppe ein weiteres Hotel zu besichtigen hat. Natürlich laden uns die Damen auch zu einem Sieben-Gänge-Dinner und noch einem „Special“, einer traditionellen Teezeremonie, ein. Binnen zehn Minuten haben die deutschen Journalisten schätzungweise jeden Mitarbeiter kennen gelernt, der im Hotel arbeitet, das wie fast alle Touristspots in Thailand seit den teilweise gewaltsamen Protesten gegen die korrupte Regierung unter Gastschwund leiden. Das Gespräch am Tisch läuft ziemlich schleppend – immerhin haben wir gerade eine mörderische Radtour hinter uns – bis ich es mitteldezent auf das Thema Alkohol leite. Seit meines Schottland-Aufenthalts vergangenes Jahr bin ich Whisky-Addicted und die Hotel-Ownerin lässt durchblicken, dass sie mit einem Schotten zusammen ist: „Haben Sie dann auch eine gute Auswahl schottischer Whiskys?“, frage ich. Die thai-englische Antwort verstehe ich wie immer nur so halb: Sie könnte gesagt haben, dass sie einen guten 27-Jährigen Single Malt da hat, der erstaunlich smooth schmeckt. Es könnte aber auch sein, dass sie von diesem edlen Tropfen nur irgendwann mal gekostet hat, wahrscheinlich in Schottland. Was sie aber auf jeden Fall im Angebot habe: Thai-Whiskey. „Ich habe gelesen, dass das ja gar kein Whiskey ist, sondern eher ein spiced rum“, gebe ich am Vortag eingesammeltes Wikipedia-Wissen zum Besten und sofort herrscht eine Stimmung wie auf dem Oktoberfest: Ein Mitarbeiter wird losgeschickt, um die vorrätige Sorte Thai-Whiskey, Sangsom, zu holen und allen großzügig auszuschenken. Ein anderer soll in einem nahen Supermarkt den anderen, Mekong, besorgen. Die Hotelbesitzerin und alle ihre PR-, Sales- und Sonstwas-Managerinnen sind augenblicklich im Alkohol-Modus, glucksen und kichern und reden albernes Zeug, um uns beim Trinken zu befeuern. Sie selbst nippen nicht mal, aber die reine Anwesenheit der offensichtlich gesellschaftlich extrem akzeptierten Droge lässt alle Dämme der distanziert-verkrampften Höflichkeit brechen. Von der Tee-Zeremonie weiß ich nur noch, dass vor allem der grüne Tee erstaunlich oft weggeschüttet werden muss, bis man mal einen Fingerhut voll trinken darf. Der Mitarbeiter, der den Mekong-Whiskey besorgen sollte, ist nie wieder aufgetaucht. Warum, sollte ich erst am nächsten Abend erfahren.

Zurück am Aloft, in dem wir nicht essen, sondern schlafen, schwirrt mir der Kopf vom mittäglichen Alkohol und wieder werden wir überraschend empfangen. Die PR-Managerin zeigt uns die Besonderheiten des Hotels. „Signatures“, also angebliche Alleinstellungsmerkmale, sind Molecular-Cocktails. Über ganz normale Cocktails wirft der Bartender mit einer David-Copperfield-Handbewegung einen Haufen Trockeneis. Die ganze Theke zischt und dampft, wobei ich glaube, dass der Barmann selbst mit der Zunge gezischt hat. Auch diese PR-Managerin wird, als es um Cocktails geht, sofort ganz zutraulich und albern. Obwohl sie nicht selber trinkt. Obwohl eine hartnäckige Recherche ergibt, dass in diese „Cocktails“ gar kein Alkohol geflossen ist. „Hier kann man eine Menge Alkohol trinken jeden Abend“, erklärt sie „dann geht man auf die Toilette und dann trinkt man weiter!“ Ihr Kichern steigt zu lautem Gelächter an, sie schüttelt ihren ganzen Körper. Ob wir schon Thai-Frauen kennen gelernt haben, fragt die Managerin und alle schauen Bernd an, der angeblich letzte Nacht ein paar Erfahrungen sammeln konnte. „Die entpuppen sich doch alle als Ladyboys“, wirft er leicht beleidigt ein und ich finde, dass jetzt doch wenigstens mal kurz eine peinliche Stille entstehen könnte. „Ja, aber die sind toll, probieren Sie mal aus!“, ruft die PR-Frau und lacht sich kaputt. Entweder hat sie das Klischee vom Sex-Tourismus-Hot-Spot Bangkok soeben vor einer Gruppe deutscher Print-Journalisten jenseits der Yellow-Press bestätigt und uns zum besinnungslosen Besaufen und Ladyboy-Testen aufgefordert. Oder diese ganze Unterhaltung hat auf einem Ironielevel stattgefunden, das ich einfach noch nicht erreicht habe. Als ich nachts meinen Fahrstuhl besteige, geleitet just in diesem Moment der Portier eine Thai-Dame in aufreizender Kleidung und High Heels hinein und hält ihr eine Magnetkarte hin, die alle Gäste besitzen, aber offensichtlich nicht sie, damit sie ein Stockwerk wählen kann. Er behandelt sie wie uns Touristen mit einer gewissen Verehrung, fast devot. Wie eine wichtige Stütze der Gesellschaft eben.

Jetzt ist es doch tatsächlich schon wieder nach ein Uhr nachts. Ich will doch einmal mehr als vier Stunden schlafen! Der letzte große Themenkomplex, der alles verbindet, der die Frage „Bürgerkrieg oder nur Protest?“ klärt und irgendwie auch das Rätsel um den verloren gegangenen Whisky-Käufer, der am Strand nahe Surat Thani noch einmal Bangkok, die chaotische zehn Städte in einer Stadt-Stadt reflektiert, eventuell von Höhlen, Fußmassagefischen und einer tollen Frau erzählt, und die finnische Klammer schließt, muss jetzt einfach noch bis morgen warten. Hoffentlich ist dann nicht alles vergessen, überlagert, übertönt.

Montag, 5. Mai 2014

Kong-Guru (Thailand-Fragmente, Teil eins)

Die Welt ist beige, lila und rosa. Die Bildschirme an den Plätzen blitzen, die Zähne der Stewardessen auch. Sie tragen Frisuren wie aus Ebenholz geschnitzt. Mit Thai Airways zu fliegen ist wie Disneyland besuchen – eine durchaus angenehme Erfahrung, aber hey, das hier ist doch nicht die richtige Welt? Diesen Gedanken habe ich oft, wenn ich auf Pressereise bin. Man lebt fremdgesteuert, wie in einer Blase. Das Programm ist vorgegeben und oft so expensive, dass ein Mensch in meiner beruflichen Situation gar nicht auf den Gedanken kommen würde, es zu buchen. In Bangkok hämmernde Kopfschmerzen, ausgetrocknete Atemwege und wieder dieser Schwur: Nie wieder ein Langstreckenflug. Bernd ist der einzige Raucher in unserer Gruppe und winkt mich raus zu sich, vor eine der Drehtüren des riesigen Flughafenmonsters: „Guck mal“, sagt er und zeigt in die Luft. Er will mir die schwüle Hitze zeigen. Etwas, das so schwer wiegt, muss doch sichtbar sein. Nach den Florida-Keys im vergangenen Jahr bin ich das zweite Mal in meinem Leben extrem dankbar für die Erfindung der Klimaanlage und schaue im Van, der uns zum Hotel bringt verliebt die Lüftung an. Unser Reiseführer stellt sich als „Top“ vor. Sein richtiger Name sei so unaussprechlich, dass er ihn uns erst gar nicht verraten will. Er hat die Touristenperspektive völlig antizipiert – und Thailändisch scheint neben Finnisch eine der unlernbaren Sprachen zu sein. Man versucht es am besten gar nicht erst. Nach mehrmaliger Bitte bringt uns Top widerwillig bei, wie man „Guten Tag“ sagt. Frauen müssten es anders sagen als Männer. Ich finde interessant, dass eine Sprachgemeinschaft die Geschlechterunterschiede derart zementiert. Auf der Bootsfahrt erzählt Bernd, dass es nirgendwo so viele Ladyboys gebe wie in Thailand. Wie sagen sie wohl Guten Tag? Auf einem Niederflurholzboot schippern wir durch die Kongs, die Kanäle, die noch vor (relativ) kurzer Zeit die einzigen Verkehrswege der Stadt waren. Mit den Autos, die der damalige König vor ca. 100 Jahren importierte, ist ein Moloch gewachsen. Eine Stadt über mehrere Etagen. Wie in einem Urwald mit seinen vielen Vegetationsschichten, schichten sich hier Straßen, portable Shops, Kabelsalate, Gebäude, Hochstraßen, die Skytrain, Hochhäuser. Statt des dichten grünen Dachs hat Bangkok ein graues – aus Sichtbeton. Im Boot muss ich an Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ denken. Von den Flussufern blickt mir allerdings nicht dunkle, tiefschwarze, undurchdringbare, menschenfeindliche Leere entgegen, das Fehlen jeglicher Zivilisation. Es sind im Gegenteil ihre chaotischen Auswüchse – das vom Menschen Gemachte, was ihm selbst wieder feindlich entgegenschlägt. Kabel, Kabel, Kabel, „95 Prozent liegen hier oberirdisch“, sagt Top, Buden aus Fundstücken: verschiedenfarbigen, morschen Brettern, Blechplatten und vielen Werbeschildern. Ihre Versprechen wirken an den zerfallenden Häusern der Armen Flussanwohner besonders lächerlich. Diamon („Diamon is a girls best friend“) ist unser Kong-Guru, also der Bootsführer. Er navigiert uns mit einer Eisenstange, an der ein nackter Motor befestigt ist. Ein röchelndes, stinkendes, rauchendes, öliges Ungetüm, aber irgendwie dient es ihm. Zwischen den ärmlichen Behausungen erscheinen leer gezogene Baugrundstücke: „Ein Haus, drei Millionen Baht“, sagt Diamon. Er stellt das einfach so in den Raum. So wie er mit Blick auf Chinatown sagt: „Chinese are everywhere.“ Vielleicht spricht da die Angst, die ich in Estland kennen gelernt habe, wenn es um die Russen ging. Oder die die Schweizer gegen die Grenzöffnung stimmen lässt. Die Angst vor dem übergroßen Nachbarn, der stets drohenden Invasion. Eigentlich wirkt Diamon aber gar nicht ängstlich, sondern eher ungewöhnlich zutraulich. Einmal bohrt er aus heiterem Himmel dem dicken Harald seinen Finger in den Bauch: „Too much beer, like me.“ Als ich später im Einkaufszentrum ein zu kleines T-Shirt anprobiere und nicht wieder herauskomme, hat der Verkäufer deutlich größere Scheu und berührt mich so kurz wie möglich um Hilfe zu leisten. Er ist peinlich berührt, aber lächelt dabei. Es ist wohl eins der vierzehn Lächeln, die es im Land des Lächelns gibt. Eins bedeutet auch „Nein“. Ein anderes sicher auch „Verpiss dich, du Arschloch.“ Aber ich schweife ab. Ich wollte noch etwas von der Bootstour über die Kongs erzählen: Unvermittelt halten wie an einem der improvisierten Shops und Diamon kauft vier Weißbrote. Niemand von uns hat Hunger. „It’s fort he catfish“, sagt er der Kong-Guru und wirft exemplarisch ein komplettes Brot in den Fluss. Zu Tüten, Dosen und dem sonstigen Müll, der hier herumschwimmt. Sofort fängt das Wasser an zu brodeln, riesige Mäuler reißen große Stücke heraus und schnellen damit in die Tiefe. Die Fische zu füttern ist Teil der Almosenkultur. Die Mönche aus den gefühlten 20 buddhistischen Klostern, die wir besichtigen (95 Prozent der Bevölkerung sind Buddhisten), gehen morgens früh mit Schalen in die Nachbarschaft. „Meist haben sie nach 500 Metern schon mehr bekommen, als sie brauchen“, erklärt Top. Also füttern sie die Straßenhunde und –Katzen, die in den Klöstern leben wie im Tierheim ohne Zwinger. Eine Katze liegt entspannt zwischen den Schuhen, die die Besucher am Eingang ausziehen müssen. Ein Novize kommt und trägt sie weg. Ich schaue ihm nach bis zu einer Art Altarraum, an dem er scharf einbiegt und mein Blickfeld verlässt. Der Raum ist glänzt golden, grün, rot und gelb und blau. Golden sind die Buddha-Statuen verschiedener Größen, grün eine Pagode, die in ein Gewölbe reicht, das mit Sonne, Himmel und Sternen bemalt ist. Ich kann nicht glauben, dass dieser Kitsch eine Gestalt des Heiligen oder Göttlichen ist. Erleuchtung erschien mir selten weiter entfernt. Die jungen Klosterbesucher, sie haben gerade Schulferien, verneigen sich abwechselnd vor Buddha und neigen sich über ihre Smartphones. Welche Verbindung ist stärker? Die zur religiösen Tradition der Heimat, zu den modernen Kommunikationsmitteln – oder der westlichen Popkultur-Hegemonie. Kein Restaurant oder Einkaufszentrum, wo nicht R’n’B aus den Lautsprechern schallt. Man trägt Jeans, T-Shirt und Flip Flops, wie überall in der mir bekannten Welt, wenn es denn warm genug ist. Die Menschen lächeln in Werbevideos für die Fluggesellschaft oder Werbetafeln für günstiges Internet, in den Shops auf der Straße. Frauen winken aus den ärmlichen Hütten am Flussrand. Ich kann hier keine schöne Frau sehen ohne mitzudenken, was ein Großteil der Touristen in ihnen sieht: ein Objekt der sexuellen Begierde – oder -Gier. Die Kinder-Prostitution werde mittlerweile so hart verfolgt, dass sie fast komplett nach Kambodscha abgewandert sei, teilt jemand beim Abendessen mit. Ich frage mich, ob das eine Erfolgsmeldung sein soll. Schönheit ist in diesem Land selten rein oder unschuldig. Zumindest kann ich sie nicht so wahrnehmen. Zwei Weisheiten noch:
1. „In Bangkok gibt es keinen Durchschnitt“, sagt Top auf unsere Frage, wie viel zum Beispiel ein Kellner im Restaurant durchschnittlich verdiene. Alles sei hier eng beieinander: Großer Reichtum, große Armut, die Facetten dazwischen. Diese innergesellschaftlichen Beziehungen äußern sich im uneinheitlichen Stadtbild. Schicke Glastürme wachsen aus schiefen Bretterbuden und grüßen ihre Geschwister, die ungemütlicher als sozialistische Plattenbauten wirken.
2. „In Bangkok ist man entweder nass vom Schwitzen oder vom Regen“, erklärt Top während er kalte Handtücher aus der Kühltasche verteilt. Ich gehe dann mal duschen.

Donnerstag, 9. Januar 2014

Der Wikinger und das Christentum

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass er rausgeworfen wurde, aber wir glauben lieber diese ehrenvollere Version der Geschichte: Irgendwann wurde es Erik dem Roten in Island einfach zu voll. Er überredete ein paar andere Wikinger dazu, sich in Grönland nieder zu lassen. Hier ist es, und das gilt auch heute noch, definitiv nicht zu voll. In Narsaq, wo er sich damals Hütten baute, wohnen heute rund 50 Menschen auf praktisch unbegrenztem Platz. Man stellt sich Wikinger gewaltig groß, stark und mächtig vor. Furchteinflößend. Gewohnt haben sie allerdings in niedrigen, von Moos und Gras bedeckten Hobbithütten und man wundert sich, warum Peter Jackson nicht hier den Herrn der Ringe gedreht hat. Er hätte nichts verändern müssen. Um in eine Hütte zu gelangen, kriecht man einen langen, etwa einen Meter hohen Gang entlang, aber wer weiß, vielleicht konnten die Wikinger ihn damals aufrecht entlang schreiten. Man hat uns keine Skelette zur Überprüfung der Körpergröße zur Verfügung gestellt. Nach einer langen Reise kam eines Tages Leif Erikson, der Sohn Eriks des Roten, mit dem Schiff heim ins Hobbitland und war Christ geworden. Der dänische König hatte ihn eingeladen, ein paar Monate mit ihm abzuhängen. Das war damals ein Angebot, das man unmöglich ausschlagen konnte. Da der König jedoch jeden einen Kopf kürzer zu machte pflegte, der sich nicht taufen ließ, ersparte sich Leif den Ärger und wurde Christ. Christsein verpflichtet, also missionierte er auch Mutter Tjodhildur. Nur bei seinem Vater, Erik dem Roten, der auf Regeln pfiff, kam er bei diesem Thema nicht recht weiter. Bis sich bei einem der regelmäßigen großen Besäufnisse in der kleinen Hütte Tjodhildur im Schlafzimmer einschloss. Erik dürfe erst wieder bei ihr schlafen, wenn auch er sich taufen ließe, richtete sie durch die geschlossene Holztür aus. Erik, der für eine beliebige Anzahl an Nächten jede andere Wikingerin hätte haben können, überlegte kurz. Aber er liebte seine Tjodhildur doch sehr. Heute sind 98 Prozent der Grönländer evangelisch. Und dass, obwohl die Wikingerkultur ausstarb und die heutige Bevölkerung praktisch nichts mehr mit ihr zu tun hat – außer, dass sie Touristen Geschichten wie diese erzählt.